Bierhoff bemühte sich zwar um Deeskalation, konnte den Ärger der sportlichen Leitung aber nicht verbergen. Zumal sich Löw & Co. auch noch mit Vorwürfen von Liga-Präsident Reinhard Rauball beschäftigen musste. Der Funktionär hatte mitten in die riesige deutsche Erfolgs- und Euphoriewelle hinein vor einer Verselbstständigung der Nationalmannschaft gewarnt. Noch in der Nacht diskutierte Bierhoff mit Rauball, der mit im Quartier war. Letztlich seien dies alles Themen zur falschen Zeit, machte Bierhoff deutlich. Während Löw und er selbst in Südafrika eisern ihren Kurs durchhalten, ihre persönliche Zukunft erst nach dem Turnier zu beleuchten, schürten andere Konflikte. Der durch viele Turnier-Teilnahmen als Spieler und Manager gestählte Ex-Kapitän weiß natürlich um die Brisanz des Machtkampfes zwischen Lahm und Ballack. Beide interpretierten und interpretieren das Kapitänsamt höchst unterschiedlich. Der einstige Chelsea-Star Ballack gab klar den Ton vor, vieles fokussierte sich auf seine Person. Der sieben Jahre jüngere Lahm pflegt mehr seine Kollegen und sucht mit dem Mannschaftsrat eine einheitliche Linie. «Wir wissen, dass Philipp Lahm diese Rolle sehr gut übernommen hat und es ihm Spaß macht», lobte Bierhoff. Dennoch sieht der Manager die Ablenkung in der wichtigsten Woche des Weltchampionats als große Gefahr an. «Der Zeitpunkt mit Abreise und diesen Aussagen war sicher nicht so glücklich», sagte er zum plötzlichen Abbruch des Ballack-Aufenthalts in Südafrika und der Lahm-Forderung. «Freiwillig werde ich sie ganz sicher nicht abgeben», sagte Lahm auf die Frage, ob er die Kapitänsbinde nach der WM wieder feierlich an Ballack überreichen werden. «Aber das wird die Entscheidung des Bundestrainers sein», schloss Lahm klar an. Ballack hatte schon unmittelbar nach seiner Verletzung durch ein böses Foul des ehemaligen deutschen Junioren-Spielers Kevin-Prince Boateng im DFB-Vorbereitungscamp auf Sizilien die Nähe zu seinen Kollegen gesucht. Zum Viertelfinale besuchte er die Mannschaft in Südafrika und erlebte als Zaungast live den Höhenflug des neuen Teams ohne ihn. «Für mich tut es schon weh», sagte der gebürtige Sachse zu seiner quälenden Zuschauerrolle. Da zudem die medizinische Abteilung des DFB die WM-Spieler vorrangig behandeln muss, korrigierte Ballack seine Pläne und reiste nach Europa zurück. «Es macht mehr Sinn, dass er nach Hause geht, er ist ja auch seinem neuen Verein verpflichtet», begrüßte Bierhoff die Ballack-Entscheidung. Der schwelende Konflikt zwischen der jungen, in Südafrika erfolgreichen Generation und Ballack ist nun offen ausgebrochen. Für Brisanz nach der WM ist gesorgt. Erst einmal muss Ballack wieder richtig gesund und fit werden. Als Führungskraft bei Bayer Leverkusen könnte er dann wieder im Nationalteam angreifen - die Zeit und das intern verschobene Machtgefüge aber sprechen gegen ihn.
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