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DFB-Team: Machtkampf um Kapitänsamt zur Unzeit

Erasmia (dpa) - 06.07.2010, 14:59 Uhr

Philipp Lahm (r) will die Kapitänsbinde von Michael Ballack behalten.
Philipp Lahm (r) will die Kapitänsbinde von Michael Ballack behalten.

Für Joachim Löw kam die Diskussion zur Unzeit, für Oliver Bierhoff ist sie ein pures Ärgernis. Ausgerechnet kurz vor dem spannenden WM-Halbfinale gegen Spanien löste Philipp Lahm den Machtkampf um das Kapitänsamt in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft aus.

Schließlich stand das DFB-Team in Südafrika bisher nur für Harmonie und positive Schlagzeilen. «Es ist schade, dass etwas zusammenkommt und zu Missinterpretationen führen kann», erklärte Teammanager Oliver Bierhoff kurz vor der Abreise des DFB-Teams in den Halbfinal-Spielort Durban. «Das Thema darf jetzt überhaupt keine Rolle spielen», forderte Bierhoff und rüffelte so Lahm für die von dem Münchner angeheizte Debatte um die Zukunft von Michael Ballack im DFB-Team. Der Status quo sei klar, verdeutlichte Bierhoff: «Philipp Lahm ist der WM-Kapitän und Michael Ballack ist der Kapitän.»

Der 33-jährige Ballack, der wegen einer schweren Bänderverletzung im rechten Fuß die Fußball-Weltmeisterschaft am Kap als Spieler verpasst, war am 5. Juli überraschend aus dem DFB-Quartier in Erasmia abgereist. Dort hatte er sich nach dem 4:0 gegen Argentinien zur weiteren Behandlung seiner Verletzung aufgehalten. Fast zeitgleich verkündete Lahm, den Bundestrainer Löw zum WM-Kapitän ernannt hatte, dass er auch nach dem Turnier weiter die Kapitänsbinde tragen wolle: «Warum soll ich dann das Kapitänsamt wieder freiwillig zur Verfügung stellen?» Laut Bierhoff habe Ballack bei seiner Abreise aus dem Hotel Grand Velmoré von Lahms Kampfansage nichts gewusst.

Fußball-Deutschland diskutiert die Kapitäns-Frage kontrovers. «Es gibt keinen Grund, dass er als Kapitän aufhört», machte sich Ex-Teamchef Rudi Völler zum Fürsprecher seines Lieblingsspielers Ballack. «Er ist noch immer der torgefährlichste Mittelfeldspieler der Welt. Er kann jedem Team helfen, auch Deutschland.» Dagegen vertrat Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus eine andere Position. «Wenn Michael jetzt sagen würde: Die Mannschaft ist ohne mich stark genug. Ich trete zurück, konzentriere mich auf Leverkusen, dann würde er noch mal Größe beweisen», sagte Matthäus in der «Bild».

Bierhoff bemühte sich zwar um Deeskalation, konnte den Ärger der sportlichen Leitung aber nicht verbergen. Zumal sich Löw & Co. auch noch mit Vorwürfen von Liga-Präsident Reinhard Rauball beschäftigen musste. Der Funktionär hatte mitten in die riesige deutsche Erfolgs- und Euphoriewelle hinein vor einer Verselbstständigung der Nationalmannschaft gewarnt: «Es muss sichergestellt sein, dass Strukturen nicht dazu führen, dass wir drei statt zwei Verbände haben: den DFB, die Liga und die Nationalmannschaft.» Noch in der Nacht diskutierte Bierhoff mit Rauball, der mit im Quartier war.


Letztlich seien dies alles Themen zur falschen Zeit, machte Bierhoff deutlich. Während Löw und er selbst in Südafrika eisern ihren Kurs durchhalten, ihre persönliche Zukunft erst nach dem Turnier zu beleuchten, schürten andere Konflikte. Der durch viele Turnier-Teilnahmen als Spieler und Manager gestählte Ex-Kapitän weiß natürlich um die Brisanz des Machtkampfes zwischen Lahm und Ballack.

Beide interpretierten und interpretieren das Kapitänsamt höchst unterschiedlich. Der einstige Chelsea-Star Ballack gab klar den Ton vor, vieles fokussierte sich auf seine Person. Der sieben Jahre jüngere Lahm pflegt mehr seine Kollegen und sucht mit dem Mannschaftsrat eine einheitliche Linie. «Wir wissen, dass Philipp Lahm diese Rolle sehr gut übernommen hat und es ihm Spaß macht», lobte Bierhoff.

Dennoch sieht der Manager die Ablenkung in der wichtigsten Woche des Weltchampionats als große Gefahr an. «Der Zeitpunkt mit Abreise und diesen Aussagen war sicher nicht so glücklich», sagte er zum plötzlichen Abbruch des Ballack-Aufenthalts in Südafrika und der Lahm-Forderung. «Freiwillig werde ich sie ganz sicher nicht abgeben», sagte Lahm auf die Frage, ob er die Kapitänsbinde nach der WM wieder feierlich an Ballack überreichen werden. «Aber das wird die Entscheidung des Bundestrainers sein», schloss Lahm klar an.

Ballack hatte schon unmittelbar nach seiner Verletzung durch ein böses Foul des ehemaligen deutschen Junioren-Spielers Kevin-Prince Boateng im DFB-Vorbereitungscamp auf Sizilien die Nähe zu seinen Kollegen gesucht. Zum Viertelfinale besuchte er die Mannschaft in Südafrika und erlebte als Zaungast live den Höhenflug des neuen Teams ohne ihn. «Für mich tut es schon weh», sagte der gebürtige Sachse zu seiner quälenden Zuschauerrolle.

Da zudem die medizinische Abteilung des DFB die WM-Spieler vorrangig behandeln muss, korrigierte Ballack seine Pläne und reiste nach Europa zurück. «Es macht mehr Sinn, dass er nach Hause geht, er ist ja auch seinem neuen Verein verpflichtet», begrüßte Bierhoff die Ballack-Entscheidung.

Der schwelende Konflikt zwischen der jungen, in Südafrika erfolgreichen Generation und Ballack ist nun offen ausgebrochen. Für Brisanz nach der WM ist gesorgt. Erst einmal muss Ballack wieder richtig gesund und fit werden. Als Führungskraft bei Bayer Leverkusen könnte er dann wieder im Nationalteam angreifen - die Zeit und das intern verschobene Machtgefüge aber sprechen gegen ihn.

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