Löw-Team darf durchpusten - «WM ist etwas anderes»
Frankfurt/Main (dpa) - 04.06.2010, 11:00 Uhr
Die deutschen Nationalspieler freuen sich über die gelungene WM-Generalprobe.
Die schwarz-rot-goldenen Fähnchen flattern schon wieder, Fußball-Deutschland ist heiß auf die WM in Südafrika. Der 3:1-Sieg der DFB-Elf bei der WM-Generalprobe gegen Bosnien-Herzegowina machte Lust auf mehr. Doch während die neuen, jungen Hoffnungsträger der Nation bis Sonntag entspannt einen Kurzurlaub bei ihren Familien genießen, grübelt Cheftrainer Joachim Löw weiter über Verbesserungen, die nicht nur den weiter schwächelnden Miroslav Klose betreffen. «Man denkt immer schon voraus an den nächsten Tag, an die nächsten Aufgaben, Inhalte und Gespräche», berichtete der Bundestrainer, der noch in der Nacht mit dem Auto heim in den Schwarzwald gebraust war. Einen Tag nach der WM-Generalprobe schaute sich Löw die Hoffnung weckende Aufholjagd gegen Edin Dzeko und Co. sogar nochmals auf Video an: Die wichtigsten Erkenntnisse hatte er schon nach Spielende verraten oder zumindest angedeutet. Der Berliner Arne Friedrich hat den Platz in der Innenverteidigung neben Per Mertesacker erobert. Kapitän Philipp Lahm, der mit einem Traumtor (50.) die Führung durch Dzeko (15.) ausglich, wird rechts in der Viererkette verteidigen. Sein junger Münchner Kollege Holger Badstuber hat sich in seinem ersten Länderspiel von Beginn an trotz einiger Wackler für die linke Seite empfohlen. Und das neue zentrale Mittelfeld-Duo Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger fängt an zu funktionieren.
All das sieht Löw zwar als erste Bestätigung seines Masterplans, Garant für eine erfolgreiche WM in Südafrika ist es aber noch nicht. «Es ist gut zu sehen, dass wir so gut in Form sind. Aber bei der WM ist es dann doch noch was anderes als in einem Freundschaftsspiel», warnte Vize-Kapitän Bastian Schweinsteiger. Mit gleich zwei eiskalt verwandelten Foulelfmetern (73./77.) gelang dem neuen Mittelfeldchef gegen die Bosnier das, was in der deutschen Länderspiel-Geschichte bisher nur der große Fritz Walter 1954 im WM-Halbfinale gegen Österreich (6:1) zustande gebracht hatte. «Natürlich war es wichtig, dass wir jetzt mit einem Sieg und einem guten Gefühl nach Südafrika gehen», kommentierte Löw das Ende einer über dreiwöchigen Vorbereitung, die lange von Pleiten, Pech und Pannen geprägt war. Gleich drei WM-Ausfälle, darunter der des als unersetzlich geltenden Michael Ballack, dazu der späte Einstieg der sieben Bayern-Spieler. Doch trotz dieser Widrigkeiten hat Löw aus dem jüngsten WM-Kader seit 76 Jahren schon ein wettbewerbsfähiges Team gezimmert, dessen Eignungstest für höhere Aufgaben aber in Südafrika erst noch ansteht. Die Chancenverwertung bleibt eine große Baustelle. |
«Trotz vieler Hiobsbotschaften haben wir ein hohes Niveau gehalten», erklärte Abwehrspieler Per Mertesacker stolz. «Wir haben drei Spiele gewonnen», resümierte Torwart Manuel Neuer zufrieden nach den Siegen gegen Malta (3:0), in Ungarn (3:0) und nun Bosnien. Und die Generation der Neuer (24 Jahre), Özil (21), Khedira (23), Badstuber (21) und Müller (20) hat nicht nur den 48 000 Fans in Frankfurt bewiesen, dass sie mit ihrer Fußball-Lust ähnlich wie beim Sommermärchen 2006 eine Euphorie-Welle lostreten kann. Lahm sieht neue spielerische Möglichkeiten, die sogar an die Weltmeister-Mannschaft von 1990 erinnern würden. «Wenn man die 90er-Mannschaft ansieht, da gab es mit Littbarski, Häßler und Matthäus auch Spieler, die sich aus dem Eins gegen Eins nach vorne durchsetzen konnten», wagte der Kapitän einen kühnen Vergleich. Denn natürlich stehen Özil, Toni Kroos oder Marko Marin noch ganz am Anfang ihrer Nationalmannschafts-Laufbahn. «Eines ist klar: Was die Ergebnisse betrifft, sollte man nicht so viel hineininterpretieren», mahnte Löw. Nach dem Wiedersehen am Sonntag in Frankfurt geht es abends mit dem Airbus 380 nach Südafrika, wo es am 13. Juni in Durban gegen Australien ernst wird. «Nächste Woche geht es hart weiter», kündigte der strenge Herr Löw intensive Arbeit an: «Da ist an der Feinabstimmung in allen Bereichen zu arbeiten.» Schon für den Kurzurlaub gab der Bundestrainer seinem Personal Hausaufgaben mit. «Drei Tage ohne Training wären in dieser Phase auch nicht gut», begründete der 50-Jährige. Besonders trifft dies auf Sorgenkind Klose zu, der weiter der Form nachläuft. «Ich werde nicht zwei Tage freimachen, sondern jeden Tag trainieren. Und dann schauen wir mal, was beim ersten Spiel dabei herauskommt», erklärte der WM-Torschützenkönig von 2006. Er spürt einen Cacau in Torform im Nacken. «Jetzt möchte ich spielen. Das ist mein Ziel», erklärte der Stuttgarter Vorbereitungs-Gewinner. Noch ist Löw nicht bereit, auf die Erfahrung des bald 32 Jahre alten Klose zu verzichten. Er habe die «absolute Leistungsexplosion» nicht im Schnellverfahren erwartet, bemerkte der Bundestrainer und blieb bei seiner Treue: «Selbstverständlich ist der Miro ein wertvoller Spieler. Er wird beim Turnier zeigen, was er kann.» Weniger gewagt ist die Prognose, dass Bayerns Shooting-Star Thomas Müller im rechten Mittelfeld noch den Hamburger Piotr Trochowski aus der Startelf drängt. «Ich habe ein paar Aktionen gehabt», warb der 20-Jährige für sich und verwies auf einen möglichen Vorteil: «Mit Lahm verstehe ich mich gut.» Vielleicht aber bleibt Müller wie Cacau zunächst ein wertvoller Joker. «Wir brauchen Spieler, die reinkommen und dann für viel Wind sorgen können», erklärte Löw vielsagend.
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