Respekt ja, Angst nein. Auf dem langen Rückflug aus Kapstadt hatte Joachim Löw seinen neuen WM-Plan schon im Kopf. Die unbequemen Gruppen-Kontrahenten Australien, Serbien und Ghana sind für den Bundestrainer auch eine große Chance.
«Dass die Mannschaft schon in der Vorrunde an ihr Limit muss, kann sie prägen», erklärte der Bundestrainer. Noch in Südafrika hatte Löw mit seinen engsten Vertrauten intensiv über das ideale Konzept diskutiert, mit dem die deutsche Nationalmannschaft das WM-Titelunternehmen 2010 angehen will. «Es ist schon eine heikle Aufgabe», sagte Löw, fügte aber auch selbstbewusst hinzu: «Wir brauchen uns vor niemandem zu verstecken, wir haben Qualität. Unsere Spieler sind motiviert. Deshalb sind wir überzeugt, dass wir ein gutes Turnier spielen.»
Dass schon die Vorrunden-Partien gegen Australien am 13. Juni in Durban, gegen Serbien am 18. Juni in Port Elizabeth und gegen Ghana am 23. Juni im Endspielstadion Soccer City von Johannesburg von Michael Ballack und Co. größte Aufmerksamkeit verlangen, kommt Löw gar nicht so unrecht. «Es ist manchmal auch gut, wenn man mit allerhöchster Konzentration starten muss», sagte der Bundestrainer sechs Monate vor der ersten Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent. Die stimmungsvolle Zeremonie im International Convention Centre in Kapstadt hatte auf den 49-Jährigen fast wie eine Erleichterung gewirkt. «Das ist Spannung, das ist klasse. Wir wissen jetzt, was auf uns zukommt und können konkret arbeiten», erklärte Löw.
Im noblen Hotel Cullinan - benannt nach der Fundstätte des größten Diamanten der Welt - hatten Löw, Teammanager Oliver Bierhoff und ihre engsten Mitarbeiter schon 14 Stunden nach der Auslosung ihre Feinplanung für das Turnier 2010 begonnen. Priorität räumen die Chefs dem Auftaktspiel gegen die rustikalen Australier ein, zu dem der DFB- Tross in das eine knappe Flugstunde vom Basis-Quartier entfernte Durban reisen muss. «Es wird ein wichtiges Spiel für uns und es ist wichtig zu gewinnen. Und dann müssen wir mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein gegen Serbien und Ghana auftreten», betonte Löw. Sein ganz persönlicher Diamant soll der WM-Titel am 11. Juli werden.
Aus der Heimat erreichten den Bundestrainer von seinem Personal bereits kämpferische Reaktionen. «Es ist keine einfache Gruppe, definitiv nicht. Trotzdem ist die Gruppe machbar und eine Pflichtaufgabe, wenn man Weltmeister werden will», übermittelte Bayern-Stürmer Mario Gomez, dem am Freitag der erste Pflichtspieltreffer mit dem WM-Ball «Jabulani» gelang. Und sein Münchner Kollege Bastian Schweinsteiger betonte selbstbewusst: «Ich denke, dass die anderen Nationen mehr Respekt vor uns haben als wir vor ihnen.»
Einige Korrekturen am bisher angedachten Vorbereitungs-Fahrplan wurden noch in Südafrika besprochen. «Da müssen wir jetzt ein wenig was verändern», verriet Löw. Das Testspiel gegen Chile, das nach dem Ausfall im November auf die unmittelbare WM-Vorbereitung verschoben werden sollte, wird wohl gestrichen. Die Südamerikaner passen angesichts der WM-Gegner nicht ins Anforderungsprofil. «Wir haben kampfstarke Mannschaften in unserer Gruppe. Da werden wir körperlich gefordert werden», sagte Manager Bierhoff.
In der unmittelbaren WM-Vorbereitung, die nach dem Bundesliga- Abschluss am 8. Mai 2010 beginnt, sind drei Länderspiele geplant. Am ehesten wäre wohl ein britisches Team wie Irland oder Schottland denkbar, das Dynamik und Robustheit der WM-Kontrahenten Ghana und Australien simulieren könnte. Als Serbien-Double kämen Kroatien oder Bosnien infrage. Am 6. Juni will das DFB-Team in sein Basis-Lager vor den Toren Pretorias reisen. Das Trainingscamp ist in Österreich, wohl in Kärnten, geplant. Zuvor soll es Regeneration mit den Familien auf Sardinien geben. Bis zum 11. Mai muss Löw der FIFA einen provisorischen 35-Mann-Kader nennen, spätestens am 5. Juni wird das 23 Spieler umfassende WM-Aufgebot vom Weltverband erwartet.
Der Bundestrainer wird sich schon in den nächsten Tagen «so viele Informationen wie möglich» von den Gruppen-Kontrahenten besorgen. «Vor Serbien habe ich großen Respekt. Sie haben in der Qualifikation Frankreich hinter sich gelassen», sagte der Badener, der den Serben- Trainer Radomir Antic bestens kennt. Als Antic vor einigen Jahren Chefcoach des FC Barcelona war, hatte Löw bei ihm hospitiert. Ghana mit dem Weltstar Michael Essien ist für den DFB-Cheftrainer «zusammen mit Algerien die spielstärkste Mannschaft Afrikas». Kapitän Ballack könnte bei der Ghana-Vorbereitung eine wichtige Rolle zukommen, er kennt Essien als Kollegen des FC Chelsea bestens. «Da muss ich Michael mal anrufen, der hat die besten Informationen», bemerkte Löw schmunzelnd, bevor er nach Deutschland zurückkehrte.