Köpke: «Gar nicht. Fakt ist, dass sich dieser Weltklasse-Torhüter auch noch gar nicht herauskristallisieren konnte, weil der sich über die Nationalmannschaft definiert, über internationale Spiele.» Bis wann wollen Joachim Löw und Sie diese Nummer 1 gefunden haben? Köpke: «Wir haben uns kein Zeitfenster dafür vorgegeben. Wenn wir von einem richtig überzeugt sind, dann ziehen wir es auch durch mit ihm. René Adler hatte jetzt eine Phase, in der bei ihm nicht alles nach Wunsch lief. Vielleicht auch, weil er anders gesehen wird nach seinen ersten Super-Länderspielen. Aber so etwas ist wichtig für die Entwicklung, um gestärkt daraus hervorzugehen.» Nach seinem hochgelobten Einstand gegen Russland und Wales dachten viele, die Torhüterfrage sei schon entschieden. Hat Sie der kleine Einbruch danach auch überrascht? Köpke: «Ein bisschen schon. Davor hatte er überhaupt keine Nerven gezeigt, auch in der Bundesliga nicht. Er hatte kein schwaches Spiel gemacht. Nach dem England-Spiel ist er vielleicht ein bisschen ins Grübeln gekommen, auch darüber, was alles auf ihn eingestürzt ist. Das muss man als junger Torwart erst einmal verarbeiten. Und man muss das jungen Leuten auch zugestehen.» Ist der Bremer Tim Wiese ein bisschen der Gewinner der aktuellen Torhüter-Situation? Köpke: «Tim hat sicherlich den Vorteil, dass er auch international noch spielt. Tim hat sich bei uns immer sehr gut präsentiert. Er hat sein Spiel ein bisschen umgestellt, er spielt offensiver. Er arbeitet sehr an sich. Wir haben im Moment vier Torhüter für die WM in der engeren Wahl, wenn man Manuel Neuer hinzuzählt, der im Sommer die U 21-Europameisterschaft spielen soll, was für seine Entwicklung wichtig ist. Daraus müssen wir die drei Torhüter finden, die bei der WM dabei sind und dann unter ihnen auch eine Reihenfolge festlegen.» Das Rückspiel gegen Russland am 10. Oktober in Moskau dürfte wohl entscheidend in der WM-Qualifikation sein. Wer da im Tor steht, müsste dann auch in der Favoritenrolle sein. Köpke: «Es ist sicherlich das wichtigste Spiel. Wer da spielt, wird sich einen Vorsprung herausgearbeitet haben.» 2006 fiel die WM-Entscheidung zwischen Kahn und Lehmann erst kurz vor dem Turnier. Kann das erneut passieren? Köpke: «Das ist nicht unsere Intention. Sobald wir sagen, den sehen wir vorne, mit dem wollen wir es durchziehen, dann werden wir das auch bekanntgeben. Und dann werden wir es mit dem Torhüter auch durchziehen, selbst wenn es mal etwas holpriger werden sollte.» Womöglich erwartet Sie das Problem, dass - nach derzeitigem Stand in der Bundesliga - keiner Ihrer vier WM-Kandidaten in der nächsten Saison mit seinem aktuellen Verein international spielt. Köpke: «Ich sehe das nicht als Handicap. Es ist nicht zwingend nötig, international zu spielen. Die Bundesliga ist stark, auch da kann ich mich weiterentwickeln. Aber natürlich geht die Entwicklung schneller voran, wenn man international spielen kann. Der Druck ist sicherlich größer, wenn ich UEFA-Cup oder Champions League spiele.» Wäre es besser für einen Robert Enke, Hannover 96 zu verlassen, um seine WM-Chance zu wahren? Köpke: «Nein, so weit würde ich nicht gehen. Das sind auch Dinge, die Robert entscheiden muss. Fakt ist, dass es in Hannover in dieser Saison nicht so läuft und auch Robert unter den vielen Gegentoren leiden muss. Aber ich mache mir bei ihm keine Gedanken. Er ist sehr gefestigt, er macht auch keinen verunsicherten Eindruck.» Auffällig ist, dass gerade die jungen Torhüter Probleme mit der Strafraumbeherrschung haben. Warum? Köpke: «Es ist schwieriger geworden. Von den Torhütern wird wesentlich mehr verlangt als zu meiner aktiven Zeit. Bis vor zwei, drei Jahren hat es selbst bei Oliver Kahn noch gereicht, den Fünf- Meter-Raum zu beherrschen. Jetzt muss ich fußballerisch top ausgebildet sein, muss ein Spiel lesen können und außerhalb des 16- Meter-Raums mitspielen können. Das Spiel ist wesentlich komplexer geworden. Da müssen wir die Jungs insgesamt nach vorne bringen. In Jens Lehmann hatten wir natürlich einen, der das durch sein Spiel in England sehr gut beherrscht hat.» Wird es - angefangen mit den Partien gegen Liechtenstein und Wales - jetzt eine Rotation zwischen Adler, Enke und Wiese geben? Köpke: «Wir werden erst einmal nur für die anstehenden zwei Spiele eine Entscheidung treffen. Was danach kommt, wird man sehen. Bei der Asienreise müssen wir abwarten, wer vielleicht im Pokalfinale steht. Die entscheidende Phase in Richtung WM beginnt dann mit dem Saisonstart im August.» Interview: Klaus Bergmann, dpa
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