Mit Capello haben Englands lahme Löwen wieder Biss
Berlin (dpa) - 18.11.2008, 20:44 Uhr
Fabio Capello muss gegen Deutschland auf einige Stammkräfte verzichten.
Will denn niemand mehr für England spielen? Nach einer Reihe von verletzungsbedingten Absagen, zuletzt von den Fußball-Stars Steven Gerrard (FC Liverpool) und Frank Lampard (FC Chelsea), setzte die Boulevardzeitung «The Sun» eine ironische Stellenanzeige ins Blatt. Interessenten, die zum Freundschaftsspiel gegen Deutschland im Berliner Olympiastadion auflaufen wollen, sollten sich beim englischen Verband FA melden. Während die Personaldecke der «Three Lions» zuletzt immer weiter ausdünnte und die alte Diskussion wiederauflebte, ob die englischen Clubs ihr Wohl über das der Nationalelf stellen, blieb Fabio Capello gelassen. Der Italiener, der Real Madrid und den AC Mailand zwischen 1991 und 2007 zu insgesamt sieben Meistertiteln führte, nutzte die Gelegenheit gar zu einer Machtdemonstration. Er ließ Gerrard, den der FC Liverpool auf der Vereins-Website vorab nicht einsatzfähig gemeldet hatte, und Lampard in das Team-Quartier anreisen, um den Befund dann zu bestätigten. «Unnötig», beklagte sich Liverpool später. Die Presse sah dies anders. «Capello hat zwei Spieler für Berlin verloren, aber - entscheidend - nicht sein Gesicht», urteilte die Tageszeitung «The Times». «Capello hat die Diskussion für sich entschieden», pflichtete «The Daily Telegraph» bei, «er hat die Vereinstrainer daran erinnert, dass er über den Einsatz entscheidet und nicht sie». Auch bei der Abschlusspressekonferenz in Berlin machte Capello in einer langen Diskussion mit den englischen Reportern deutlich, dass er auch in Zukunft so verfahren werde. «Das sind die Regeln», meinte er.
Zwar stehen dem von der Presse «fabelhafter Fabio» Getauften in Abwehrchef John Terry (Chelsea), Keeper David James (FC Portsmouth), Gareth Barry (Aston Villa) im Mittelfeld und Jungstar Theo Walcott (FC Arsenal) gerade mal vier Stammspieler zur Verfügung. Dennoch gab sich Capello optimistisch. «Es ist eine wichtige Partie und ich bin sicher, dass wir ein großes Spiel machen werden. Ich will hier gewinnen», sagte er. Auch Kapitän Terry hob die Bedeutung der Partie hervor: «Gegen Deutschland ist es immer etwas Besonderes.» Nachdem Vereinstrainer wie Arsenals Arsène Wenger oder Aston Villas Martin O'Neill den prestigeträchtigen Fußball-Klassiker als «völlig überflüssig» bezeichnet hatten, bewies Capello einmal mehr jene Autorität, die seine Vorgänger oft vermissen ließen. |
Stetig und geduldig richtete der 62-Jährige das Starensemble des «Fußball-Mutterlandes», das bei großen Prüfungen regelmäßig versagte, wieder auf. Am 21. November 2007 verlor die Elf schmachvoll 2:3 gegen Kroatien im Wembley-Stadion und verspielte die EM-Teilnahme. Doch unter dem gestrengen Italiener zeigen die «Three Lions» wieder Biss. Die Bilanz in der WM-Qualifikation ist makellos: Zwölf Punkte aus vier Spielen, darunter ein 4:1 über Angstgegner Kroatien in Zagreb. Aber die Wiederaufbau-Arbeit ist noch brüchig. Die etablierten Stars der Premier League harmonierten nicht immer gut, und hochkarätigen Talenten wie Walcott fehlt noch die Konstanz, um die Platzhirsche zu verdrängen. Im Olympiastadion dürfte England aber dennoch auch als «B-Elf» gefährlich sein. Capello ist «Siegertyp» genug, um im achten Spiel in Serie unbesiegt bleiben zu wollen.
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