Als der Präsident auf dem nächtlichen Bankett die letzte Lobeshymne auf eine rosarote Nach-WM-Saison anstimmte, dachte nach dem 2:1 gegen die Slowakei Joachim Löw schon an die neue Spielzeit. «Die Mannschaft muss sich weiter entwickeln», sagte der Bundestrainer.
Diese «Mahnung» gab Löw nach dem hart erkämpften Sieg in Hamburg seinen Protagonisten mit in den ersehnten und verdienten Urlaub. Trotz der besten Bilanz aller 50 europäischen Mannschaften in der Qualifikation für die EM-Endrunde im kommenden Sommer in der Schweiz und Österreich verbreitete Löw keinesfalls Euphorie, sondern nahm nach Dankesworten noch in der Kabine der Hamburger AOL-Arena alle EM-Kandidaten gleich wieder in die Pflicht: «Wir können nur Fortschritte erzielen, wenn sich jeder einzelne Spieler nochmals verbessert.»
Im Side-Hotel bedankte sich DFB-Präsident Theo Zwanziger bei Trainern und Spielern ganz offiziell noch einmal «für eine starke und überzeugende Saison», mit der sich der dreimalige Europameister Deutschland in Stellung gebracht hat für den vierten kontinentalen Titel. «Es war ein überragendes Spieljahr. Es war nicht nur erfolgreich, sondern wir haben auch schönen Fußball geboten», schwärmte Team-Manager Oliver Bierhoff, der spätestens beim lockeren Saisonabschluss-Bankett wie alle anderen Hauptdarsteller den letzten Kraftakt gegen harmlose Slowaken mit gleich zwei Eigentoren schnell abgehakt hatte. Das Wichtigste sind die jetzt sechs Punkte Vorsprung auf Tabellen-Platz 3, der das EM-Aus bedeutet.
Der verletzte Kapitän Michael Ballack schöpft vor allem aus der «Art und Weise, wie wir nach der WM aufgetreten sind» und der anhaltenden Fußball-Euphorie rund um die deutsche Nationalmannschaft seinen Titel-Optimismus. In sieben Qualifikations-Partien verhinderte nur ein einziges Remis auf Zypern (1:1) die maximale Punktausbeute. Aber auch die erreichten 19 Zähler sind der Spitzenwert aller EM- Bewerber, nur die Polen haben bei zwei Spielen mehr die selbe Anzahl erkämpft. Top-Nationen wie Weltmeister Italien, Spielverderber des deutschen WM-Traums 2006, England, Spanien, Portugal und die Niederlande müssen dagegen noch kräftig um einen Endrunden-Platz zittern. Den weiteren Aufstieg bis zur EM könnten im Prinzip «nur wir selber» verhindern, betonte Ballack.
Löw hat die im Sommer 2004 von Jürgen Klinsmann eingeleitete «Revolution» mit verfeinerten Mitteln fortgesetzt. Fernab aller großen Inszenierungen hat der 47-jährige Freiburger akribisch und detailversessen den WM-Dritten weiter entwickelt. «Für die Mannschaft ist es kein Problem, neue Spieler einzubauen. Sie schafft es auch, die Wechsel zwischen Konzentration, Spaß und Freizeit hinzubekommen», analysierte Bierhoff. Unter Löw machten vor allem Mario Gomez, Thomas Hitzlsperger, der gegen die Slowakei den 2:1-Siegtreffer köpfte, Marcell Jansen und Clemens Fritz große Fortschritte. «Sie sind wichtige Spieler geworden. Es ist gut, dass neue Spieler Druck machen auf die Stammspieler», betonte der Bundestrainer.
Dazu holte Löw den zur WM noch ausgebooteten Schalker Kevin Kuranyi aus einem Tief heraus. «Im Sturm, wo wir sonst Sorgen hatten, haben wir nun eine große Auswahl», bemerkte Bierhoff, der aber auch einige Problemzonen ansprach. So gebe es in der Innenverteidigung «keine großen Alternativen». Neben dem Eigentorschützen Christoph Metzelder («Ich treffe den Ball voll mit der Picke, da hat der Jens keine Chance») und Per Mertesacker genügen andere Kandidaten wie Manuel Friedrich oder Alexander Madlung noch nicht höheren Ansprüchen. Kultfigur Robert Huth ist ganz verschwunden, Arne Friedrich plagte sich zuletzt immer wieder mit Blessuren.
Auf anderen Positionen hat Löw eher die Qual der Wahl. Zu den 19 Spielern, die in Hamburg im Aufgebot standen, und den zehn verletzten um Ballack, Schweinsteiger und Podolski drängen schon weitere junge hungrige Spieler zu höheren Weihen. Löw nannte selbst die beiden Stuttgarter Serdar Tasci und Sami Khedira sowie den Schalker Christian Pander als erste Nachrücker-Kandidaten. Der Kampf um die 23 EM-Tickets wird schon mit der Saison-Vorbereitung ab Juli eröffnet, am 22. August in England gibt es den ersten scharfen EM-Test.
Doch erst einmal sollen die Nationalspieler ihren Urlaub genießen - allen voran Sorgenkind Miroslav Klose. Obwohl dem Bremer das 1:0 gegen die Slowaken offiziell nicht anerkannt wurde, räumt Löw seinem Stürmer Nummer 1 beste EM-Perspektiven ein: «Man hat in den letzten Tagen gemerkt, dass er wieder positiver war, ein Stück erleichtert. Die Pause tut ihm besonders gut.» Der WM-Torschützenkönig selbst beendete kurz vor dem Urlaub zumindest ein Stück das Rätselraten um seine Zukunft: «Fakt ist, das ich mich entschieden haben, 2008 für Bayern München zu spielen. Wenn es doch noch klappt, dass ich dieses Jahr bei Bayern spiele, dann freue ich mich natürlich auch.»