Löw macht Boateng Mut - EM-Tür bleibt offen

München (dpa) - 25.01.2016, 16:19 Uhr
Löw macht Boateng Mut - EM-Tür bleibt offen
Joachim Löw (r) sorgt sich um Jérôme Boateng. Foto: Andreas Gebert

Lässig lehnt Joachim Löw in der Tiefgarage des Teamhotels in einer schwarzen Lederjacke an der Kühlerhaube eines Luxus-Sportwagens. Cool blickt der Bundestrainer durch seine Sonnenbrille in die Kameras. Schnell sind die Bilder geschossen.

Bei den finalen Werbeaufnahmen für die Fußball-Europameisterschaft muss der Bundestrainer wie seine Nationalspieler immer wieder als Model posieren. In Gedanken ist Löw aber auch immer wieder bei einem seiner VIP-Weltmeister, der beim Marketingtag in München fehlt: Jérôme Boateng, seit dem Wochenende das aktuell größte Sorgenkind des FC Bayern München und auch der deutschen Nationalmannschaft.

Im Laufe des Tages findet Löw auch Zeit für ein Gespräch mit seinem besten Abwehrspieler, dem er Mut zuspricht: «Ich habe ihm gesagt, dass ich an ihn glaube und er es trotz der schweren Muskelverletzung noch schaffen kann, auf den EM-Zug aufzuspringen.» Löw verweist auch auf das Beispiel von Sami Khedira, der vor zwei Jahren nach einem Kreuzbandriss rechtzeitig zur WM wieder fit geworden war. «Genauso wie bei Sami Khedira vor der WM in Brasilien werden wir ihm die Tür solange wie möglich offenhalten», versprach Löw. Erst am 31. Mai endet die Nominierungsfrist für den finalen 23-köpfigen EM-Kader.

Boatengs Adduktorenblessur ist ein großes Problem, an erster Stelle für die Bayern, die ihre Triple-Mission womöglich komplett ohne den Abwehrchef bestreiten müssen. «Es ist bitter, dass Jérôme ausfällt. Er ist ein Leistungsträger bei uns. Das tut uns natürlich sehr weh», sagte Kapitän Philipp Lahm am Montag bei einem Sponsorentermin.

Ein Blitztransfer in der letzten Wochen der Winter-Transferfrist erscheint fragwürdig. Der Markt gibt einen in der Champions League spielberechtigten Innenverteidiger auf Topniveau wohl nicht her. Trainer Pep Guardiola dürfte auf Holger Badstuber, Javi Martínez, David Alaba und den oft verletzten Medhi Benatia bauen müssen.

Löw muss noch nicht umdenken. Boateng soll mit der in Hamburg erlittenen Muskelverletzung mindestens drei Monate ausfallen. Wie ernst die Lage aber auch beim DFB eingeschätzt wird, bestätigte Teammanager Oliver Bierhoff in München: «Ich hoffe, dass er es Richtung Saisonende und EM noch packt.» Löw glaubt dran: «Jérôme ist eine Kämpfernatur und arbeitet top professionell. Er hat den Willen und die Einstellung, alles dafür zu tun.» Der Bundestrainer mahnte aber zugleich: «Er braucht nun auch Geduld und sollte sich nicht unter Druck setzen. Wir werden ihn unterstützen.»

Boateng konnte an den letzten EM-Werbeproduktionen der Nationalspieler für DFB-Sponsoren nicht teilnehmen. Auch drei Tage nach der Partie standen für den 27-Jährigen weitere ärztliche Untersuchungen an. Wie schwer sind die Adduktoren im linken Oberschenkel tatsächlich beschädigt? Ein Muskelbündelriss soll es mindestens sein. Womöglich ist auch eine Sehne betroffen, was die Ausfallzeit verlängern würde. Droht womöglich ein Saisonaus?

Der 27 Jahre alte Patient richtete den Blick notgedrungen nach vorne. Zumindest die EM in Frankreich (10. Juni bis 10. Juli) bleibt sein Ziel. «Bis zur Europameisterschaft sollte es im Normalfall reichen. Ich muss dann aber auch erstmal wieder auf mein gewohntes Level kommen», sagte der 57-malige Nationalspieler dem «Kicker».

Am 23. Mai beginnt das EM-Trainingslager. Womöglich kann Boateng zuvor beim FC Bayern im Saisonendspurt ein Comeback feiern. Aber bei dem Modellathleten fehlen Erfahrungswerte. Boateng war bislang nur schwerer am Knie verletzt, die Muskeln rissen nie. Teamkollege Mario Götze, der am 8. Oktober beim Länderspiel in Irland einen Ausriss der Muskelsehne im Bereich der Adduktoren erlitten hatte, pausiert knapp vier Monate später immer noch. Er soll im Februar wieder spielen.

Boateng stellt sich zunächst einmal auf einige schwierige Wochen und Monate ein. «Die Laune wird in nächster Zeit nicht so toll sein, wenn ich meine Energie nicht raushauen kann», sagte er.

Löw und Bierhoff nutzten den Marketingtag auch dazu, schon zu Jahresbeginn die Sinne der Spieler für die neue Titelmission im Sommer zu schärfen. Die rund 30 angereisten EM-Kandidaten, angefangen bei Kapitän Bastian Schweinsteiger bis hin zum Schalker Youngster Leroy Sané, erhielten vielfältige Turnierinformationen zum Zeitplan, zu Sicherheitsvorkehrungen oder auch dem Familienprogramm.

«Am wichtigsten ist aber, dass wir die Spieler beisammen haben, ihnen in die Augen gucken und ihnen in den Kopf setzen können, dass neben Bundesliga, Champions League und anderen Wettbewerben die EM ein Riesenevent ist in diesem Jahr», erläuterte Bierhoff den größeren Sinn des Treffens. Für Boateng ist die EM schon jetzt das Hauptziel.

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