Klinsmann deutlich:«Messlatte ist jetzt höher»
Berlin (dpa) - 31.08.2005, 20:07 Uhr
Konditionstrainer Shad Forsythe (vorne l) trainiert mit den Nationalspielern.
Jürgen Klinsmann will sich einen schlappen Auftritt wie beim Start in die WM-Saison gegen die Niederlande nicht noch einmal bieten lassen. Noch vor dem ersten Training nahm sich der Bundestrainer in der WM-Stadt Berlin sein Personal in einer Ansprache zur Brust. «Holland kam sehr früh in der Saison. Jetzt sieht es anders aus. Jetzt setzen wir die Messlatte höher, wir werden höhere Anforderungen stellen», kündigte Klinsmann an. Den anchließenden Geheim-Test gegen die A-Jugend von Hertha BSC gewann der DFB-Kader mit 8:1 (4:0). Von seinem nach dem Ausfall von Mittelfeldspieler Torsten Frings (Knöchelverletzung) nur noch 20-köpfigen Aufgebot erwartet der Bundestrainer in den Länderspielen in Bratislava gegen die Slowakei und vier Tage später in Bremen gegen Südafrika wieder dominanten und erfolgreichen Tempo-Fußball. «Bis zur Nominierung des WM-Kaders haben wir nur noch sieben Spiele. Das ist nicht viel, und deshalb werden wir alle Eindrücke sammeln, die wir nur sammeln können», forderte er die Berufenen - allen voran die beiden Neulinge Marcell Jansen und Lukas Sinkiewicz - zu einem «lebendigen Konkurrenzkampf» auf. Zunächst mussten sich die Spieler allerdings mehr mit Medizin- denn Fußbällen auseinander setzen. Die Fitness stand in der Schweiß treibenden Übungseinheit am Vormittag bei hochsommerlichen Temperaturen auf dem Gelände von Hertha BSC im Mittelpunkt.
Am Abend ersetzte Klinsmann die zweite Übungseinheit überraschend durch ein Trainingsspiel über zwei Mal 35 Minuten gegen die A-Junioren von Hertha BSC. Bei der Partie unter Ausschluss der Öffentlichkeit trafen für die DFB-Auswahl Kevin Kuranyi (3 Tore), Miroslav Klose (2), Lukas Podolski, Sebastian Deisler und Patrick Owomoyela. Klinsmann setzte bis auf Hertha-Profi Arne Friedrich (Magen-Darm-Verstimmung) alle 19 verfügbaren Akteure ein. Die beiden Neulinge Lukas Sinkiewicz (1. FC Köln) und Marcell Jansen (Borussia Mönchengladbach) spielten nach Augenzeugenberichten durch. Die strapaziöse Doppelschicht war für Klinsmann Programm: «Im Training wird hundertprozentige Konzentration gefordert, absolutes Engagement wird vorausgesetzt, das Tempo muss hoch sein», forderte er: «Schließlich wollen wir auch ein lebendiges Spiel sehen. Die Leistungen in den nächsten zehn Monaten entscheiden, wie sich der WM- Kader zusammensetzt.» |
Als erster Gewinner der Auslese durfte sich einer fühlen, der in Berlin gar nicht dabei ist. Oliver Kahn wurde vom Bundestrainer via «Sport Bild» deutlicher denn je in die Favoritenrolle auf den Platz im WM-Tor geschoben. «Wenn nichts Außergewöhnliches passiert - Oliver ein langes Leistungstief haben sollte - oder eine Verletzung dazwischenkommt, dann hat er die besten Karten zu spielen», sagte Klinsmann. Konkurrent Jens Lehmann, der sich in einem offenen Zweikampf wähnt, war ob der Positionierung durch den Bundestrainer zwar irritiert, reagierte aber gefasst. «Ich glaube nicht, dass er das so gesagt hat», erwiderte der 35-Jährige im ZDF. Von seinem Ziel, beim anstehenden Länderspiel-Doppelpack Pluspunkte zu sammeln und am 9. Juni 2006 im WM-Eröffnungsspiel die Nummer eins zu sein, lässt sich der Keeper vom FC Arsenal nicht abbringen: «Ich sehe meine WM-Chancen gut. Daran glaube ich. Was vorher gesagt wird, darauf lege ich nicht so viel Wert.» Beim Mannschaftsfoto vor dem Brandenburger Tor wird Lehmann im Gegensatz zu Kahn präsent sein. Dafür fehlen aber die neuen Heimspiel-Trikots, die zu Wochenbeginn gegen den Willen des DFB-Ausrüsters (adidas) bei geheimen Werbeaufnahmen in die Öffentlichkeit gelangt waren. Erst beim letzten Länderspiel des Jahres am 12. November gegen Frankreich soll die traditionell gehaltene Schwarz-Weiß-Kombination offiziell vorgestellt werden. Mit Tempo-Fußball wie beim Confederations Cup will Klinsmann in der Slowakei das ernüchternde 2:2 von Rotterdam vergessen machen. Ob die 19-jährigen Abwehrtalente Jansen und Sinkiewicz in Bratislava schon in der Anfangsformation stehen werden, macht er von den Trainingseindrücken abhängig. «Wir erwarten nicht, dass sie Bäume ausreißen oder fünf Stufen auf einmal überspringen. Wir wünschen uns, dass sie sich wohlfühlen bei uns, Spaß haben und auf ihre Chance hoffen», sagte Klinsmann an die Adresse der Youngster, die sich auf dem Trainingsplatz noch recht nervös im Kreis der Großen bewegten. «Wichtig ist die Leistung, nicht die Zahl der Bundesligaspiele», sagte Sinkiewicz auf die Frage, ob sieben Bundesliga-Einsätze eine wirkliche Nationalmannschafts-Empfehlung darstellen. Jansen, dessen Erfahrung mit 21 Erstliga-Spielen etwas größer ist, brennt darauf, sich auf der Problemposition als Linksverteidiger bewähren zu können: «Für mich kann es keine bessere Position geben.»
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