Jürgen Klinsmann steht beim Confederations Cup auf dem Kölner Rasen.
Sechs große Turniere hat er als Spieler bestritten, doch als Bundestrainer macht Jürgen Klinsmann nun völlig neue Erfahrungen. Als Leiter des Unternehmens Nationalmannschaft bleiben ihm die Freiräume verwehrt, auf die er in seiner aktiven Zeit immer gepocht hatte.
«Als Spieler hatte ich meine Kernaufgabe: Mach' ein gutes Spiel und ein Tor, dann kannst du wieder abschalten», sagt der 40-jährige in einem dpa-Gespräch: «Jetzt bin ich permanent in Gedanken beim Team - beobachte, ob all die Rädchen richtig geölt werden, die wir in Gang gesetzt haben, oder wo es etwas zu optimieren gibt. Von morgens um halb acht bis abends um halb zwölf dreht sich alles nur darum.»
Dabei sieht sich der einstige Weltklassestürmer, zwischen der EM 1988 im eigenen Land und der WM 1998 in Frankreich bei jedem großen Turnier im Einsatz, durchaus noch als Lernender. «Ich lese ein Spiel noch nicht so wie Carlos Alberto Parreira, Roger Lemerre oder Joachim Löw mit ihrer Erfahrung. Aber ich gehe mit allen Emotionen die Aufgabe an, lebe dieses Spiel», erklärt Klinsmann, der seinen Trainerschein in einem Kurzlehrgang für verdienstvolle Nationalspieler ablegt hatte.
Den Praxis-Härtetest erlebt Klinsmann nun im Schnelldurchlauf. Dabei profitiert der einstige DFB-Kapitän noch viel davon, dass seine aktive Laufbahn nach 108 Länderspielen erst vor sieben Jahren zu Ende gegangen war. «Ich kann relativ gut die Körpersprache von Spielern lesen, auch ihren Gemütszustand. Ich spüre, wenn ein Spieler einen Hänger hat, was in den Köpfen des Einzelnen vorgeht», schilderte er seine Stärken. Zu denen zählt er auch, dass er sich auf der Trainerbank nicht von Hektik anstecken lässt. «Auch wenn der Spannungspegel nach oben geht und der Zeitdruck dazukommt, lassen wir uns nicht aus der Ruhe bringen. Zeitdruck hat mir schon als Spieler nichts ausgemacht.»
In den drei Wochen fast ununterbrochener Gemeinsamkeit, vom Trainingslager in München bis zum letzten Gruppenspiel in Nürnberg gegen Argentinien, hat Klinsmann festgestellt, dass viele Rädchen bereits ineinander greifen. «Vom Busfahrer über den Zeugwart bis hin zum Sportpsychologen, den Physiotherapeuten oder den Fitnessleuten: Jeder weiß genau, wie seine Aufgabe definiert ist, welchen Teil er beitragen muss», berichtet er.
Die Mannschaft wächst, so zumindest die Beobachtung des Bundestrainers, Tag für Tag mehr zusammen. «Die Gemeinschaft ist voll intakt. Die Mannschaft kann immer besser miteinander, der eine greift dem anderen unter die Arme», schildert er. Damit sei, unabhängig vom weiteren sportlichen Verlauf, ein Primärziel des Probelaufs für die WM in einem Jahr schon jetzt verwirklicht.
«Ich bin absolut davon überzeugt, dass das Fundament einer erfolgreichen Mannschaft immer in der Gruppen-Chemie liegt, in der Kameradschaft. Bei allen Interessen, die der einzelne Spieler hat, und allem Ehrgeiz muss jeder wissen: Zum Erfolg kommen sie nur, wenn sie sich helfen», sagt Klinsmann.
Bei der Suche nach dem Optimum ist er permanent im Gespräch: Mit Kapitän Michael Ballack, mit Manager Oliver Bierhoff, mit dem Sportpsychologen Hans-Dieter Hermann, mit den Physiotherapeuten oder den Fitness-Trainern, vor allem aber mit Löw. «Es ist ein Partnerspiel, in dem wir uns optimal ergänzen und in dem ich sehr viel lerne», beurteilt Klinsmann die Zusammenarbeit mit seinem Vertrauten. Den nimmt er auch gerne mit in den Hotel-Fitnessraum, wo sich der kürzlich am Knie operierte Klinsmann täglich mit Radfahren und Walken in Form hält: «Da bekomme ich den Kopf frei und gewinne neue Energie.»