Klinsmann: «Mehr als nur ein Tick. Jetzt bin ich permanent in Gedanken beim Team - beobachte, ob all die Rädchen richtig geölt werden, die wir in Gang gesetzt haben, oder wo es etwas zu optimieren gibt. Von morgens um halb acht bis abends um halb zwölf dreht sich alles nur darum. Wenn ich zum Frühstück komme, sitzen meistens Assistenztrainer Joachim Löw und die Physiotherapeuten schon da. Da gibt's die ersten Gespräche. Und spät am Abend gehen wir mit dem gesamten Betreuerstab die Dinge noch einmal durch.» dpa: Bleibt da noch Zeit zum Abschalten? Klinsmann: «Ich trainiere jeden Tag über eine Stunde im Hotel. Wegen meiner Knieoperation darf ich zur Zeit zwar nur Radfahren und Walken, aber das mache ich sehr intensiv. Da bekomme ich den Kopf frei und gewinne neue Energie.» dpa: Ertappen Sie sich noch, dass Sie im Spiel wie ein Spieler und nicht wie ein Trainer denken? Klinsmann: «Ich lese ein Spiel noch nicht so wie Carlos Alberto Parreira, Roger Lemerre oder Joachim Löw mit ihrer Erfahrung. Aber ich gehe mit allen Emotionen die Aufgabe an, lebe dieses Spiel. Ich kann relativ gut die Körpersprache von Spielern lesen, auch ihren Gemütszustand. Ich spüre, wenn ein Spieler einen Hänger hat, was in den Köpfen des Einzelnen vorgeht. Und wenn ein Spieler seine Unzufriedenheit im Spiel rausbrüllt, kann ich das auch gut verstehen, weil ich als Spieler drei Mal schlimmer war.» dpa: Beim Confed-Cup steht nicht nur die Mannschaft auf dem Prüfstand, sondern auch ihr Betreuerstab. Wie funktioniert das Modell Klinsmann? Klinsmann: «Wir sind schon mit der Gewissheit ins Turnier gegangen, dass wir zueinander passen. Vom Busfahrer über den Zeugwart bis hin zum Sportpsychologen, den Physiotherapeuten oder den Fitnessleuten: Jeder weiß genau, wie seine Aufgabe definiert ist, welchen Teil er beitragen muss. Bei all dem gilt: Im Kern steht immer die Mannschaft.» dpa: Und Sie sind der Dirigent? Klinsmann: «Meine Hauptaufgabe ist, die Qualität der Mannschaft zu verbessern. Es geht immer wieder nur um die Leistungsoptimierung: Wie werden wir ein Stück schneller, ein Stück beweglicher, ein Stück wacher? Wenn sich jeder Spieler ein bisschen steigert, haben wir eine bessere Mannschaft. Die Spieler wissen, dass ich mir unheimlich viele Gedanken mache über jeden einzelnen.» dpa: Wie ist das Zusammenspiel mit Joachim Löw? Klinsmann: «Es ist ein Partnerspiel, in dem wir uns optimal ergänzen und in dem ich sehr viel lerne. Wir arbeiten im Team, jeder bringt seine Vorstellungen ein, und wir setzen sie gemeinsam um. Eine seiner Stärken ist die Arbeit auf dem Platz, wenn er den Spielern kurz und knapp sagt, worauf es ankommt.» dpa: Im Spiel sieht man sie beide oft Seite an Seite stehen. Klinsmann: «Wir reagieren ziemlich ähnlich: Emotional, wenn mal in einer Szene etwas nicht so klappt. Aber sonst bleiben wir relativ ruhig. In der Halbzeit reden wir nicht gleich auf die Spieler ein, sondern lassen sie trinken und besprechen erst, ob und was wir umstellen müssen. Auch wenn der Spannungspegel nach oben geht und der Zeitdruck dazukommt, lassen wir uns nicht aus der Ruhe bringen. Zeitdruck hat mir schon als Spieler nichts ausgemacht.» dpa: Kommen nach fast drei Wochen Zusammensein auch erste Anzeichen von Müdigkeit oder Spannungen auf? Klinsmann: «Uns kommt es nicht so vor, dass wir schon so lange zusammen sind. Die Gemeinschaft ist voll intakt. Die Mannschaft kann immer besser miteinander, der eine greift dem anderen unter die Arme. Das ist wichtig für den Entwicklungsprozess, gerade wenn man so viele junge Spieler in der Mannschaft hat.» dpa: Das klingt ein wenig nach Elf-Freunde-Romantik. Klinsmann: «Ich bin absolut davon überzeugt, dass das Fundament einer erfolgreichen Mannschaft immer in der Gruppen-Chemie liegt, in der Kameradschaft. Bei allen Interessen, die der einzelne Spieler hat, und allem Ehrgeiz muss jeder wissen: Zum Erfolg kommen sie nur, wenn sie sich helfen.» dpa: Gab es irgendwann in Ihrer aktiven Nationalspieler-Laufbahn eine vergleichbare Konstellation im Team? Klinsmann: «Schwierig. Die Weltmeister-Mannschaft von 1990 war geprägt von sechs, sieben Spielern, die genau wussten, was sie wollen. Die wollten den Titel und waren von dem Weg nicht abzubringen. Der Titelgewinn bei der EM 1996 in England war ein Ergebnis des unbändigen Willens, nachdem so viele Verletzte ausgefallen waren. Die Situation von damals ist mit der von heute nicht zu vergleichen.» dpa: Wie ist die Mannschaft von heute? Klinsmann: «Es ist eine interessante Mischung: Da sind die jungen Spieler, sehr talentierte und kreative Instinktfußballer wie Podolski, Schweinsteiger, Mertesacker und Huth. Das ist eine wissbegierige neue Generation, die ihren Platz in der Gruppe finden muss. Dann gibt es die Generation der etwa 28-Jährige wie Ballack, Frings, die viel Verantwortung tragen. Und dann haben wir mit Kahn und Lehmann noch zwei Torhüter mit jeweils 18 Jahren Berufserfahrung.» Von Oliver Hartmann, dpa
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