Die Erinnerung an den Schock vor sechs Jahren, als die Italiener in der Verlängerung des WM-Halbfinales von Dortmund das deutsche Sommermärchen jäh beendet hatten, hat Löw längst in ein hinteres Schubfach verbannt. «Vielleicht waren wir 2006 nicht ganz so weit. Heute sind wir weiter», betonte der Bundestrainer mit Hinweis auf 15 Pflichtspiel-Siege nacheinander, auf den bisherigen EM-Durchmarsch und die gewachsenen Qualitäten seines Kaders. Gegen Italien winkt zudem der 500. Sieg in der deutschen Länderspiel-Geschichte. Eine Warnung aber ist 2006 noch immer, zumal die aktuelle italienische Auswahl bei dieser EM einen ähnlich starken Eindruck hinterlassen hat wie bei ihrem Triumph vor sechs Jahren. «Sie spielen nicht nur defensiv und warten auf zwei, drei Konter, wie es 2006 noch war», mahnte Löw. «Wir treffen auf einen ebenbürtigen Gegner. Wir wissen, dass dieses Spiel noch schwerer wird als die Spiele bisher», sagte Abwehrchef Mats Hummels: «Schon im ersten Spiel gegen Spanien waren sie die bessere Mannschaft. Und sie haben sich noch gesteigert.» Hummels kann sich wie seine Abwehrkollegen Jérome Boateng, Holger Badstuber und Lahm, Torwart Manuel Neuer sowie das Mittelfeld-Dreieck Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Mesut Özil sicher sein, in Warschau wieder in der Startelf zu stehen. Auf seinen «emotionalen Leader» Schweinsteiger will Löw nicht verzichten. «Es fühlt sich wieder besser an», meldete der Münchner trotz seiner langwierigen Knöchelblessur hundertprozentige Einsatzbereitschaft. Die restlichen drei Positionen dürften bis kurz vor dem Anpfiff des französischen Schiedsrichters Stéphane Lannoy weiter heiß diskutiert werden: Einiges spricht dafür, dass Löw zur Variante der Vorrunde mit den Außenspielern Lukas Podolski und Thomas Müller zurückkehrt. Manager Bierhoff hielt aber auch die Wiederholung eines Griechenland-Schachzugs im Gespräch: «Marco Reus musste lange warten, bis er zum Einsatz kam, und dann ändert sich innerhalb von 90 Minuten die ganze Stimmung und das ganze Gefühl.» Am engsten scheint die Entscheidung, ob Routinier Miroslav Klose nach dem Viertelfinalerfolg gegen Griechenland wieder von Beginn an stürmt oder doch der Münchner Knipser Mario Gomez zurückkehrt. «Wir haben so viele gute Spieler, die torgefährlich sein können. Der Trainer hat viele Varianten», erklärte Bierhoff zum Luxuskader. Möglicherweise wird Löw seine Italien-Formation dieses Mal auch der Mannschaft noch später bekanntgeben als vor den bisherigen EM-Partien, nachdem vor dem Viertelfinale die drei Umstellungen in der Offensive vorzeitig an die Öffentlichkeit durchgesickert waren. «Vielleicht gibt es die Aufstellung auch erst kurz vor dem Spiel», sagte Bierhoff mit einem Schmunzeln. Das Leck im innersten Zirkel sei «kein gutes Zeichen», betonte der Manager und äußerte die Hoffnung: «Vielleicht bleibt der Maulwurf mal unter dem Boden.» Die voraussichtlichen Aufstellungen: Deutschland: Neuer (Bayern München/26 Jahre/30 Länderspiele) - Boateng (Bayern München/23/24), Hummels (Borussia Dortmund/23/18), Badstuber (Bayern München/23/24), Lahm (Bayern München/28/90) - Schweinsteiger (Bayern München/27/94), Khedira (Real Madrid/25/31) - Reus (Borussia Mönchengladbach/23/7), Özil (Real Madrid/23/37), Podolski (1. FC Köln/27/100) - Gomez (Bayern München/26/56) Italien: Buffon (Juventus Turin/34/118) - Abate (AC Mailand25/4), Barzagli (Juventus Turin 31/31), Bonucci (Juventus Turin 25/18), Chiellini (Juventus Turin 27/53) - Marchisio (Juventus Turin 26/24), Pirlo (Juventus Turin 33/87), De Rossi (AS Rom 28/76) - Montolivo (AC Florenz 27/35) - Cassano (AC Mailand 29/33), Balotelli (Manchester City 21/12) Schiedsrichter: Lannoy (Frankreich)
 |