Am Sonntagabend können Löw und seine Spieler nun entspannt und gebannt zugleich vor dem Fernseher den Halbfinalgegner beobachten - England oder Italien. «Beide Mannschaften sind sehr unangenehm. England ist viel besser als 2010, bei Italien ist es ähnlich. Alle Mannschaften, die ins Halbfinale kommen, sind Titelanwärter», sagte Löw. «Mir wäre England lieber, aber es ist einfach schön, dass es im Halbfinale zu einem Klassiker kommt», kommentierte Lahm. Der Kapitän hatte den Griechen-Beton mit seinem 1:0 in der 39. Minute als erster ein wenig zerbröselt. Khedira (61.), Klose (68.) und Reus (74.) brachten ihn zum Einsturz. «Wir haben die Griechen mit vielem schlichtweg überfordert», stellte Löw zufrieden fest. Letztendlich waren die Gegentore von Georgios Samaras (55.) und Dimitrios Salpingidis (90./Handelfmeter) nur Schönheitsfehler. «Ich habe von Anfang an gesagt, die Favoriten auf den Titelgewinn sind Spanien und Deutschland», erklärte Griechenlands Trainer Fernando Santos nach dem K.o. seiner fußballerisch limitierten Hellas-Auswahl. Dem Europameister von 2004 hatte es auch nichts genützt, dass Löws tagelang geheim gehaltener Wechsel-Coup mit Klose, Reus und Schürrle wenige Stunden vor dem Anpfiff publik geworden war. «Das ist nicht in meinem Sinne, wenn das passiert», sagte der Chefcoach zum Leck im innersten Zirkel der Nationalmannschaft: «Von den Spielern kommt es auf jeden Fall nicht, diese Rückversicherung habe ich.» Der Plan, Gomez, Podolski und Müller durch frische Kräfte zu ersetzen, «war mir schon länger im Kopf herumgegeistert», berichtete Löw. «Irgendwie war die Zeit reif, etwas zu verändern. Ich wollte unberechenbar bleiben für die Griechen», erläuterte der Taktikfuchs. Es habe ihm «auch wehgetan», den dreifachen EM-Torschützen Mario Gomez und Lukas Podolski zu opfern. Aber er habe «andere Spielertypen» gebraucht, die Laufwege aus dem Mittelfeld in die Tiefe gemacht hätten. «Marco Reus hat sehr gut gespielt, André Schürrle ebenso. Miroslav Klose macht ein Tor wie Reus. Das war irgendwie auch der Schlüssel zum Sieg», lobte Löw die Spieler und sich selbst. «Frech spielen», das habe ihm der Trainer aufgetragen, erzählte der überglückliche Reus nach seinem EM-Debüt. Im vierten Spiel setzte Löw sein gewaltiges Bank-Kapital erstmals ein, die Gewinnausschüttung könnte bis zum Endspiel anhalten. Der nächste «wichtige Schritt» sei vollzogen, sagte Abwehr-Ass Mats Hummels: «Aber wir wissen, dass die weiteren Gegner ein anderes Kaliber sein werden als Griechenland.» Vor dem Halbfinale ist Hochspannung im Kader, der Kampf um die elf Startplätze beim nächsten Showdown am Donnerstag in Warschau dürfte hitzig werden. Nur Torwart Manuel Neuer, die vier Abwehrspieler und das zentrale Mittelfeldtrio mit dem stark verbesserten Spielmacher Mesut Özil, einem sich quälenden Bastian Schweinsteiger und dem zum Giganten gereiften Khedira sind fix vergeben. «Er ist eine wirkliche Führungspersönlichkeit geworden», adelte Löw den 25-jährigen Khedira: «Sehr gut, sehr dynamisch, sehr präsent. Es ist gut für die anderen, dass er da ist.» Aufhalten soll Magier Löw und seine Ballzauberer keiner mehr, wie der als «Spieler des Spiels» ausgezeichnete Özil verkündete: «Für uns ist es egal, ob nun England oder Italien kommt. Wir wollen den nächsten Schritt machen - wir wollen ins Finale!»
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