Es hat sich viel verändert im deutschen Fußball. Beim letzten Titelgewinn 1996 in England gab es gerade einmal zwei Europameister ausländischer Abstammung: Mehmet Scholl (türkischer Vater) und Fredi Boboc, dessen Mutter aus Kroatien stammt, der Vater aus Slowenien. Im EM-Kader 2012 sind es sieben von 23 Spielern; Boateng (Ghana), Gündogan, Özil (beide Türkei), Khedira (Tunesien), Podolski, Klose (beide Polen) und Gomez (Spanien). Für Bierhoff ist das ein Gewinn: «Unser Spiel wäre eintöniger, weniger abwechslungsreich, weniger fantasievoll. Unsere Spieler mit Migrationshintergrund bringen durch ihre Spielweise andere Einflüsse mit ein. Das wirkt bereichernd.» Für die Spieler ist es nicht immer einfach, mit ganzem Herzen für Deutschland Fußball zu spielen und ihre Herkunft dennoch nicht zu verleugnen. Die Nationalhymne singen Özil, Khedira, Boateng, Podolski nicht mit, weil oftmals auch Verwandte noch in ihren Heimatländern leben. Aus Respekt bejubelte Podolski seine EM-Tore beim 2:0 gegen Polen 2008 nur still. Özil vermied Jubelgesten, als er vor dem Glückwunsch-Foto mit der Kanzlerin gegen das Land seiner Eltern traf. Die Twitter-Hetze gegen den 23 Jahre alten Jungstar während des Dänemark-Spiels sorgte für Empörung. «Özil ist garantiert kein Deutscher! Ein Stück Papier ändert die Abstammung nicht», lautete die anonym verbreitete Parole im Internet. Özils Management stellte Anzeige gegen Unbekannt. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) bezeichnete die Verunglimpfung als «widerwärtig». Der in Gelsenkirchen geborene und aufgewachsene Özil sieht sich als internationaler Kicker in einer globalisierten Welt, wie er gegenüber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (Freitag) betonte. «Ich habe in meinem Leben mehr Zeit in Spanien als in der Türkei verbracht - bin ich dann ein deutsch-türkischer Spanier oder ein spanischer Deutsch-Türke? Warum denken wir immer so in Grenzen? Ich will als Fußballer gemessen werden - und Fußball ist international, das hat nichts mit den Wurzeln der Familie zu tun.» Bierhoff sagt, dass die Spieler mit Zuwanderungsgeschichte «mit Stolz den Adler auf dem Trikot tragen». Sie müssen ja nicht gleich eine schwarz-rot-goldene Fahne auf den Schuhen haben wie Per Mertesacker: «Das ist mir schon wichtig.» Der in Oppeln geborene Klose singt sogar die deutsche Hymne mit, was ihm beim 2:2 im Testspiel gegen den EM-Gastgeber 2011 in Danzig laute Pfiffe der polnischen Fans eintrug. In polnischen Zeitungen war zuvor zudem berichtet worden, «dass mir der Kontakt nach Polen nicht mehr wichtig ist», erzählte der irritierte Klose. «Ich liebe das Land genauso wie Deutschland. Der Großteil meiner Familie kommt hierher, auch Freunde», sagte Klose zu EM-Beginn. Die Polen waren besänftigt. 30 Spieler mit ausländischen Wurzeln seit 1998 Sieben der 23 deutschen EM-Spieler haben ihre familiären Wurzeln zumindest teilweise in anderen Ländern. Erst nach dem letzten Europameisterschafts-Gewinn 1996 kamen immer mehr Profis ausländischer Abstammung in die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Seit 1998 kamen insgesamt 30 im Adler-Trikot zum Länderspiel-Debüt. Der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts holte kurz vor dem Ende seiner Ära im September 1998 Paulo Rink und Oliver Neuville in seinen Kader. WM-Teilnehmer waren 2002 in Gerald Asamoah, Oliver Neuville und Miroslav Klose nur drei Spieler ausländischer Eltern. Bei der WM 2010 standen denn elf Akteure mit Migrationshintergrund im deutschen WM-Aufgebot. | Name | Wurzeln in | Länderspiele | DFB-Debüt |
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| Paulo Rink | Brasilien | 13 | 2. September 1998 2:1 Malta | | Oliver Neuville | Schweiz | 69 | 2. September 1998 2:1 Malta | | Mustafa Dogan | Türkei | 2 | 30. Juli 1999 0:2 USA | | Zoltan Sebescen | Ungarn | 1 | 23. Februar 2000 1:2 Niederlande | | Miroslav Klose | Polen | 119* | 24. März 2001 2:1 Albanien | | Gerald Asamoah | Ghana | 43 | 29. Mai 2001 2:0 Slowakei | | Thomas Brdaric | Kroatien | 8 | 27. März 2002 4:2 USA | | Paul Freier | Polen | 19 | 9. Mai 2002 7:0 Kuwait | | Kevin Kuranyi | Brasilien | 52 | 29. März 2003 1:1 Litauen | | Lukas Podolski | Polen | 100* | 6. Juni 2004 0:2 Ungarn | | Patrick Owomoyela | Nigeria | 11 | 16. Dezember 2004 0:3 Japan | | Lukas Sinkiewicz | Polen | 3 | 3. September 2005 2:0 Slowakei | | David Odonkor | Ghana | 16 | 30. Mai 2006 2:2 Japan | | Malik Fathi | Türkei | 2 | 16. August 2006 3:0 Schweden | | Piotr Trochowski | Polen | 35 | 7. Oktober 2006 2:0 Georgien | | Mario Gomez | Spanien | 55* | 7. Februar 2007 3:1 Schweiz | | Gonzalo Castro | Spanien | 5 | 28. März 2007 0:1 Dänemark | | Jermaine Jones | USA | 3 | 6. Februar 2008 3:0 Österreich | | Serdar Tasci | Türkei | 14 | 20. August 2008 2:0 Belgien | | Marvin Compper | Frankreich | 1 | 19. November 2008 1:2 England | | Marko Marin | Bosnien-H. | 16 | 27. Mai 2008 2:2 Weißrussland | | Andreas Beck | Russland | 9 | 11. Februar 2009 0:1 Norwegen | | Mesut Özil | Türkei | 36* | 11. Februar 2009 0:1 Norwegen | | Cacau | Brasilien | 23 | 29. Mai 2009 1:1 China | | Sami Khedira | Tunesien | 30* | 5. September 2009 2:0 Südafrika | | Jérome Boateng | Ghana | 22* | 10. Oktober 2009 1:0 Russland | | Aaron Hunt | England | 2 | 18. November 2009 2:2 Elfenbk. | | Dennis Aogo | Nigeria | 10 | 13. Mai 2010 3:0 Malta | | Lewis Holtby | England | 2 | 17. November 2010 0:0 Schweden | | Ilkay Gündogan | Türkei | 2* | 11. Oktober 2010 3:1 Belgien |
* vor dem EM-Viertelfinale gegen Griechenland
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