Die kraftraubende Gruppenphase mit drei strapaziösen Ukraine-Trips hat Spuren hinterlassen. Nur 20 Spieler trainierten am Dienstag. Die Dauerläufer Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger, der zudem über eine Sprunggelenksreizung klagt, sowie Dänemark-Held Lars Bender durften pausieren. Es sei aber «nichts Ernstes», beruhigte Löw. Özil berührt zudem die rassistische Hetze im Internet gegen seine Person, die ihn aber auf dem Platz nach Aussage seines Vaters Mustafa «nicht belasten» werde. Auch Löw redete seinen Regisseur vor der entscheidenden Turnierphase stark, erinnerte dabei an Özils Topform in den K.o.-Spielen der WM 2010 gegen England (4:1) und Argentinien (4:0). «Die große Explosion Özils kommt noch. Ich spüre das.» Der akribisch arbeitende Stratege Löw hat beim Video-Studium des Dänemark-Spiels «Kleinigkeiten» entdeckt, die verbessert werden müssten. «An Kompaktheit, Zentrum schließen, Gegner anlaufen können wir noch arbeiten», analysierte er. Die kollektive Defensivarbeit ließ zu wünschen übrig, auch darum ist Schweinsteiger ausgepumpt. Der Vizekapitän hatte zusammen mit seinem Nebenmann Sami Khedira die meisten Kilometer gemacht, musste mehr Räume und Lücken schließen als ihm lieb war. «Ich bin sehr müde. Ich musste sehr viel laufen, normalerweise sollte das nicht so sein», übte Schweinsteiger - ohne Namen zu nennen - leise Kritik an der laxen Defensivarbeit einiger Kollegen. Auch wenn Löw grundsätzlich am offensiven Spielstil festhalten will, gilt auch für ihn die Stabilität als entscheidender Erfolgsfaktor. «Die Mauer muss stehen hinten», sagte der 52-Jährige. «Die defensive Stärke ist beim Turnier am wichtigsten. Das ist insgeheim der Weg zum Erfolg», sekundierte Badstuber. Rennen, kämpfen, grätschen - das zeichnet die Griechen aus. Der Sensations-Europameister von 2004 wird ein Bollwerk aufbauen, in dem Özil und Co. geduldig nach der Lücke suchen müssen. «Es ist nicht einfach, wenn der Gegner nicht mitspielt. Wir mussten gegen die Dänen ankämpfen, gegen die Griechen wird das nicht anders werden», sagte Khedira voraus. Furcht flößt der Russland-Schreck aber nicht ein. Auf die politische Brisanz des Duells wegen der wirtschaftlichen Notsituation Griechenlands möchte sich Löw nicht einlassen. «Die Politik ist außen vor. Für uns ist das ein ganz normales Spiel. Wir sehen das rein sportlich», erklärte er und schloss eher scherzhaft in Richtung der Bundeskanzlerin an. «Sie wissen ja, dass wir ein sehr gutes Verhältnis zu Angela Merkel haben. Wir haben mal die Abmachung getroffen, das sie nicht in Aufstellung und Taktik hereinredet und ich nicht in ihre politischen Statements.» Als Ober-Fan auf der Tribüne sitzen wird Merkel beim ersten EM-Spiel der DFB-Auswahl auf polnischem Boden wohl nicht. Auf große Unterstützung und Heimspielstimmung hoffen die deutschen Spieler dennoch. Das Viertelfinale in Danzig, nur wenige Kilometer vom Teamquartier entfernt, war von Anfang an ein Ziel. «Wir freuen uns schon sehr, dass wir hier in unserer 'Heimat' spielen. Darauf haben wir geschielt», erklärte Löw. Insgeheim schielen jedoch alle auch schon nach Kiew: 1. Juli, Finale - womöglich gegen Spanien!
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