Um ein Haar hätte es dieses Tor gar nicht gegeben. Löw wollte den Bayern-Stürmer schon «zwei Minuten eher» aus dem Spiel holen und Miroslav Klose bringen, der an seinem 34. Geburtstag überraschend auf der Bank schmoren musste. «Ich muss mit dem vierten Schiedsrichter nochmal hart ins Gericht gehen», scherzte Löw: «Er hat so lange gebraucht, das anzuzeigen.» So bekam der 26 Jahre alte Gomez nach Flanke von Sami Khedira noch die eine Möglichkeit, die er zu seinem Premieren-Treffer bei einem Turnier nutzte. «Das spricht für seine Qualität: Eine Chance - ein Tor!», lobte Löw den Matchwinner. Die überraschenden Personalentscheidungen, auf Gomez statt Klose und auf Hummels statt Mertesacker zu setzen, zeigen Löws weiterentwickelte Philosophie. In Zeiten höchster Belastung beim Hochgeschwindigkeits-Fußball setzt der Bundestrainer noch mehr auf hundertprozentige Fitness und aktuelle Form. «Das Risiko war mir ein bisschen zu groß», sagte er zum Verzicht auf Per Mertesacker, der nach seiner Knöcheloperation mehrere Monate ohne echten Wettkampf war. «Mats Hummels kam mit Rückenwind aus der Meisterschaft, mit guten Leistungen und vor allem mit Spielpraxis», betonte Löw. Der Dortmunder Turnier-Neuling nutzte entschlossen seine Chance vor 32 990 Zuschauern in Lwiw, die klare Mehrzahl davon aus Deutschland. «Gerade Mats hat in wichtigen Situationen den Ball mit dem Kopf geklärt. Er war sehr stabil», hob Neuer hervor, der in der Schlussphase mit zwei Superaktionen den Auftakt-Erfolg sicherte. Hummels genoss innerlich die neue Wertschätzung nach einer langen Zeit des Fremdelns in der Nationalmannschaft, verwies öffentlich auf den Anteil seiner Nebenleute: «Defensiv ist es immer ein Verdienst der ganzen Mannschaft.» Auch von Jérome Boateng. Der Nachtschwärmer hielt im bislang schwersten Länderspiel seiner Karriere dem Druck stand. «Überwiegend hat er Cristiano Ronaldo gut im Griff gehabt», bestätigte Löw dem Münchner eine «sehr gute» Leistung. Der 23-Jährige hat damit die «Bringschuld» eingelöst, die ihm nach einem unprofessionellen Tête-à-tête mit einem Nacktmodel von Löw auferlegt worden war. «Alle waren sehr präsent in den Zweikämpfen, sehr aufmerksam. Keine Bälle sind in den Rücken gespielt worden», lobte der DFB-Chefcoach seine Abwehr-Abteilung. Löw hat seine EM-Viererkette auf Anhieb gefunden. Nun muss noch die Offensive zum höchsten Niveau zurückfinden - zuletzt bestaunt und bejubelt beim 3:0 gegen Holland im November 2011. «Bei denen wird das ja wohl noch eine Rolle spielen», sagte Podolski genüsslich: «Wir werden uns die Bilder nochmal anschauen.»
 |