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Löw gegen Türkei im Dilemma - Wirbel um Özil

Istanbul (dpa) - 06.10.2011, 19:52 Uhr

Bundestrainer Joachim Löw (2.v.l.) ruft sein Team zusammen, er verlangt mehr Anspannung. Foto: TOLGA BOZOGLU
Bundestrainer Joachim Löw (2.v.l.) ruft sein Team zusammen, er verlangt mehr Anspannung. Foto: TOLGA BOZOGLU

Verletzungssorgen, Wirbel um Özil, fehlende Anspannung - Joachim Löw steckt vor dem Duell mit den heißblütigen Türken im Dilemma.

Für den Gastgeber geht es im ausverkauften Galatasaray-Stadion mit 52 500 Fans im Rücken um alles in der EM-Qualifikation, während das Resultat für Gruppensieger Deutschland zweitrangig ist. «Das hat keinen Einfluss auf die Gesamtentwicklung. Die Ergebnisse jetzt spielen für die EM im nächsten Jahr nicht die Hauptrolle», sagte Löw in Istanbul. Seinen 50. Sieg als Bundestrainer wünscht sich der 51-Jährige trotzdem: «Wir wollen hier gewinnen, aber das wird eine große Herausforderung.»

Löw muss ein schwieriger Balanceakt gelingen: Die angeschlagenen Spitzenkräfte Mesut Özil (Achillessehnenreizung) und Miroslav Klose (Bluterguss am Knie) werden wohl höchstens auf der Bank sitzen, allein bei Mario Gomez (Adduktorenprobleme) gab der DFB nach dem Abschlusstraining am Donnerstagabend grünes Licht für einen Einsatz. Bei Özil und Klose, die ebenfalls teilweise mittrainiert hatten, werde dagegen erst am Spieltag entschieden, ob sie überhaupt «für das Spiel nominiert» würden - ein Startelf-Einsatz erscheint demnach ausgeschlossen.

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Löw muss das Risiko bei den lädierten Akteuren abwägen und gleichzeitig nach dem bereits gelösten EM-Ticket einem drohenden Leistungsabfall vorbeugen. Am Tag vor dem Spiel setzte er darum am Vormittag noch zusätzlich ein halbstündiges Training an, damit seine Spieler «in die Gänge kommen», wie er bei seiner Pressekonferenz im Mannschaftshotel unweit des belebten Taksim-Platzes berichtete.

Rund um Özil, dessen möglicher erster Auftritt im deutschen Nationaltrikot in der Türkei heftige Emotionen auslöst, kursieren am Bosporus die wildesten Gerüchte. Löw musste sogar einheimische Medien dementieren, die den türkischstämmigen Özil nach DFB-Angaben fiktiv mit der Aussage zitierten, dass er im Heimatland seiner Eltern lieber nicht spielen wolle. «Dem war nicht so», widersprach Löw: «Mesut wollte und will unbedingt spielen.» Allein die «erheblichen Achillessehnenprobleme» könnten das verhindern, beteuerte Löw.


Özil selbst äußerte sich am Tag vor der Partie nur in einem Interview des DFB. «Im Moment bin ich nicht fit. Ich habe Schmerzen.» Kneifen würde er aber nicht, stellte der 22-Jährige klar: «Ich habe keine Angst.» Mit Pfiffen der türkischen Fans könne er umgehen: «Die machen mir nichts aus.»

Özils Mitwirken würde die Atmosphäre im Stadion anheizen - sein Ausfall die deutsche Elf erheblich schwächen. Beim 3:0-Hinspielsieg in Berlin trotzte der Spielmacher von Real Madrid den Anfeindungen der vielen türkischen Anhänger, glänzte als Regisseur und als still jubelnder Torschütze. «Er spielt die tödlichen Pässe, da ist er genial», schwärmte Löw. «Unsere Spieler in der ersten Reihe profitieren immens von Mesut.» Auch bei einem Özil-Ausfall werde man Lösungen finden. Als erste Alternative benannte Löw den Dortmunder Jungstar Mario Götze. «Er kann das.»

Auf die deutsche Aufstellung schaut man besonders auch in Belgien. Die Belgier (12 Punkte), am kommenden Dienstag in Düsseldorf letzter Gegner des DFB-Teams, streiten mit den Türken (14) vehement um den zweiten Platz, der auch noch zur EM-Teilnahme 2012 in Polen und der Ukraine führen kann. «Wir haben mit der Qualifikation unsere Aufgabe erfüllt, aber das heißt nicht, dass wir uns zurücklehnen», versicherte Löw und versprach vollen Einsatz seiner Mannschaft: «Wir wollen nicht den Eindruck der Wettbewerbsverzerrung vermitteln.»

Bei Aufstellungsfragen mauerte der Bundestrainer am Tag vor dem Spiel total. Lieber redete er die Türken stark. «Sie haben in Berlin nicht ihr wahres Gesicht gezeigt. Hier wird die Mannschaft getragen von einem enthusiastischen Publikum. Es wird unglaublich viel Emotion und Motivation im Spiel sein, das weiß ich aus eigener Erfahrung», sagte Löw als ehemaliger Trainer von Fenerbahce Istanbul.

Löw warnt seine Spieler ausdrücklich vor dem erfahrenen Emre (31) und dem hochgelobten Mittelfeldspieler Arda. «Er ist in der Lage, ein Spiel alleine zu entscheiden, er ist unberechenbar, unglaublich gefährlich», sagte Löw über den 24-Jährigen von Atletico Madrid.

Die letzte Auswärtsniederlage in einem EM-Qualifikationsspiel kassierte die deutsche Elf übrigens ausgerechnet vor 13 Jahren beim 0:1 in Bursa gegen die Türkei - ein schlechtes Omen? Eine neuerliche Pleite bliebe folgenlos. «Wir haben die schöne Ausgangsposition, dass wir schon qualifiziert sind», verdeutlichte Philipp Lahm.

Trotzdem sei die Motivation für die Begegnung einfach, erklärte der Kapitän: «Es geht jetzt schon um die Plätze im EM-Kader.» Hinzu käme das Ziel, erstmals in der DFB-Geschichte alle zehn Qualifikationspartien für ein großes Turnier zu gewinnen. «Der Rekord ist eine schöne Nebensache - und den wollen wir auch haben», erklärte Lahm. Über allem stehe aber der EM-Titel 2012: «Die Preise werden erst im nächsten Jahr verteilt.»

Voraussichtliche Aufstellungen:

Türkei: Volkan (Fenerbahce/29 Jahre/52 Länderspiele) - Gökhan Gönül (Fenerbahce/26/25), Korkmaz (Besiktas 28/2), Servet Cetin (Galatasaray 30/58), Hakan Balta (Galatasaray 28/31) - Selcuk Inan (Galatasaray 26/14), Topal (FC Valencia/25/20) - Hamit Altintop (Real Madrid/28/64), Emre (Fenerbahce/31/78), Arda (Atletico Madrid 24/47) - Burek Yilmaz (Trabzonspor/26/11)

Deutschland: Neuer (Bayern München 25/22), Höwedes (Schalke 04 23/3), Mertesacker (FC Arsenal 27/76), Badstuber (Bayern München 22/15), Lahm (Bayern München 27/83) - Khedira (Real Madrid 24/20), Schweinsteiger (Bayern München 27/89) - Müller (Bayern München 22/21), Götze (Borussia Dortmund/19/9), Podolski (1. FC Köln 26/92) - Gomez (Bayern München/26/47)

Schiedsrichter: Atkinson (England)

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