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Vogts: «Wir können nicht gewinnen im Moment»

Baku (dpa) - 06.06.2011, 13:32 Uhr

Berti Vogts trainiert die Fußball-Nationalmannschaft von Aserbaidschan.
Berti Vogts trainiert die Fußball-Nationalmannschaft von Aserbaidschan.

Aserbaidschans Coach Berti Vogts (64) sieht sich nach dem jüngsten 1:2 in Kasachstan Anfeindungen und Forderungen nach seiner Ablösung ausgesetzt.

Vor dem EM-Qualifikationsspiel in Baku gegen Deutschland sagte der Ex-Bundestrainer in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa, dass die Aserbaidschaner vor allem Druck und Siegeswillen bräuchten und mehr trainieren müssten. Gegen die DFB-Elf sei das Land, das gerade 100 Jahre Fußball feiert, aber chancenlos, meinte Vogts - obwohl er insgesamt einen Aufschwung konstatiert.

Wie fällt die Bilanz Ihrer bisherigen Arbeit in Aserbaidschan aus?

Vogts: «Ich bin im vierten Jahr hier. Dass es nicht so schnell geht wie in Deutschland, das weiß man. Aber in den letzten vier Jahren hat es hier einen unheimlichen Aufschwung gegeben.»

Wie sehen Ihre Pläne nach den vier Jahren hier aus - noch weitere vier?


Vogts: «Ganz sicher nicht! Wenn ich keine Lust mehr habe, dann fahre ich nach Hause. Ich bin rund 16 Tage im Monat hier, wenn der Spielbetrieb läuft. Ansonsten lebe ich ja in Deutschland.»

Wie hat sich der Fußball hier in den vergangenen vier Jahren entwickelt?

Vogts: «Aserbaidschan ist keine Fußballnation. Das ist eine Nation der Ringer und der Gewichtheber und des Schachs. Hier glaubt man, wenn man jetzt solche Trainer holt, dann qualifiziert man sich für die Weltmeisterschaft oder die Europameisterschaft. Das ist ein Langzeitprojekt. Es dauert noch vier bis fünf Jahre, bis Aserbaidschan Anschluss gefunden hat an das europäische Mittelmaß.»

Trotzdem gibt es Hoffnung?

Vogts: «Wir haben sehr viele junge Spieler. Die Nationalmannschaft ist aufgestellt für die nächsten acht Jahre. Jetzt heißt es natürlich, viele internationale Spiele abzuschließen. Wir können sie nicht gewinnen im Moment. Das steht fest, weil in den Clubs zu wenig trainiert wird.»

Zu wenig?

Vogts: «In Deutschland trainiert man pro Tag ungefähr fünf Stunden, hier in Aserbaidschan vielleicht vier Tage in der Woche eine Stunde. Das ist schon ein enormer Unterschied. Und das kann man gar nicht aufholen. Aber die jungen Spieler, die ich habe, die wollen. Sie wollen vor allem auch raus. Sie wollen nach Europa, Fußball spielen.»

Welche weiteren Probleme gibt es?

Vogts: «Das sind sprachliche Probleme. Sehr wenige sprechen Englisch - vor allem auch von meinen Spielern und Spielerinnen. Aber sie bemühen sich. Und das ist auch der nächste Schritt, den der Bildungsminister machen muss: dass man die Kinder mehr zwingt, wenigstens Englisch zu lernen. Das ist unheimlich wichtig.»

Solche Initiativen müssen also in einem autoritär geführten Land wie Aserbaidschan immer noch von oben ausgehen?

Vogts: «Es geht nicht anders. Man ist seit 1991 selbstständig. Und ich glaube, was man seither hier geschaffen hat, geht nur mit Druck von oben. Wenn man sieht, wie die Mentalität ist, wie die Menschen sind. Da muss man schon dahinter stehen und Druck ausüben.»

Solche Spiele wie gegen Deutschland, bewirken die etwas, geben die einen Schub?

Vogts: «Es gibt den Spielern einen Schub, dass sie sehen, wo wir stehen. Wir wissen genau, dass wir Deutschland nicht schlagen können. Ansonsten würde Deutschland ja nie gegen Aserbaidschan hier spielen, wenn wir nicht in der Qualifikation ausgelost worden wären. Es ist wichtig, dass die Spieler diese Erfahrungen sammeln, wo der internationale Topfußball steht. Und Deutschland ist ja die Topnation im Moment neben Spanien.»

Wie sehen Sie die Rettung Ihres Ex-Clubs Borussia Mönchengladbach?

Vogts: «Dass sie überhaupt so tief gesunken sind, das ist schon blamabel. Aber wir freuen uns, dass Borussia in der Bundesliga ist. Aber sie werden gerade mit dem Trainer (Lucien Favre) im nächsten Jahr unter die ersten Zehn kommen. Denn sie haben sehr gutes Potenzial. Der Trainer weiß, wovon er redet. Und ich glaube, dieser Warnschuss der Relegation hat alle aufgeweckt. Borussia gehört in die Bundesliga.»

Trauen Sie es nach den Erfahrungen in Aserbaidschan der Ex-Sowjetrepublik Ukraine zu, gemeinsam mit Polen im nächsten Jahr die Fußball-EM zu organisieren?

Vogts: «Die UEFA hat sich so entschieden. Natürlich wäre es schöner gewesen, wenn Irland oder Schottland den Zuschlag bekommen hätten. Das sind Fußballländer. Aber hier muss man den Polen und Ukrainern auch die Möglichkeit geben, dass sie neue Stadien bauen und die Infrastruktur verändert wird. Ich denke auch an den sozialen Bereich, den der Fußball mitbringt. Daher ist es gut, dass man solche Länder für eine Fußball-EM ausgewählt hat.»

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