Der Hamburger SV ist um eine wichtige Erfahrung reicher: Es geht auch ohne Lenker und Denker Rafael van der Vaart. Doch der 3:1-Sieg war teuer bezahlt.
Eine Kernspintomographie am 15. Februar ergab, dass sich van der Vaart einen Bänderanriss im rechten Sprunggelenk zugezogen hat und für rund zwei Wochen pausieren muss. Nachdem der Spielgestalter und Vollstrecker im UEFA-Cup-Hinspiel beim Schweizer Fußball-Meister FC Zürich frühzeitig (32. Minute) mit einer Verletzung ausgefallen war, rafften sich seine bis dahin verhalten agierenden Teamkollegen auf und fuhren einen verdienten 3:1 (0:0)-Sieg ein. «Wir haben unsere kämpferischen Qualitäten gezeigt», meinte Torwart Frank Rost.
Damit ist der HSV unfreiwillig mit jenem Szenario konfrontiert, das ihn in der kommenden Saison erwartet, falls der Kapitän wie beabsichtigt ins Ausland wechselt. «Wir müssen abwarten, wie sich die Verletzung die nächsten Tage entwickelt. Ich möchte natürlich so schnell wie möglich zurückkommen», sagte van der Vaart nach der Diagnose. Damit fällt er auf jeden Fall für die Bundesliga-Partie gegen den VfL Bochum und das Rückspiel gegen Zürich aus.
Und noch ein zweiter, gänzlich anderer «Problemfall» macht dem HSV zu schaffen. Thimothee Atouba wurde wegen seiner verspäteten Rückreise vom Afrika Cup zu Einzeltraining verdonnert und mit einer Geldstrafe belegt. «Er hat sich leider einige Verfehlungen zuschulden kommen lassen», erklärte Sportchef Dietmar Beiersdorfer.
Doch der Ärger um Atouba konnte die Stimmung nach dem Auftritt in Zürich nicht trüben. «Das war ein großer Schritt in Richtung Achtelfinale. Wenn wir im Rückspiel so konzentriert wie in der zweiten Halbzeit zu Werke gehen, dann brennt da nichts mehr an», sagte Clubchef Bernd Hoffmann und fand Zustimmung bei Uwe Seeler, der sich unter die 16 800 Zuschauer im Stadion Letzigrund gemischt hatte: «Die Sache ist gelaufen.» Warum im ersten Durchgang allerdings erschreckend fade Kost ohne Schwung und Ideen geboten wurde, konnten auch die mitgereisten 3000 HSV-Fans nicht verstehen. Schließlich hatten sie ihrem Team zuvor mit Luftballonherzen und Valentinstag-Spruchbändern («Mein HSV, ich liebe dich») ihre Zuneigung gestanden.
«Der Platz war teilweise gefroren, wir haben lange gebraucht, um uns daran zu gewöhnen», entschuldigte sich Rost, der den Ball beim Gegentor durch Alain Rochat (88.) nicht hinter der Linie sah. Für Mittelfeldspieler Vincent Kompany war die anfängliche Zurückhaltung Taktik: «Zürich ist eine physisch ganz starke Mannschaft. Die musste erst müde werden.» Aufgeweckt wurden dagegen die Hamburger - und zwar von Stevens. «In der Kabine wurde Klartext gesprochen», verriet Piotr Trochowski, der sich diebisch über sein Freistoßtor (77.) per Flatterball («Der wechselt ständig die Richtung») freute.
Einen Bonus für die nächste Partien dürfte sich Paolo Guerrero verdient haben. Zuletzt gescholten, war er als Van-der-Vaart-Ersatz ein Glücksgriff. Mustergültig, raffiniert und mit Übersicht bereitete er die ersten Tore durch David Jarolim (49.) und Ivica Olic (67.) vor. Im Kampf um die raren Startplätze im Sturm liegt der Peruaner damit wieder knapp vor dem erfolgshungrigen Afrika-Cup-Sieger Mohamed Zidan, der zumindest zu einem siebenminütigen Einsatz kam.
Die Leistung von Zürichs Spiellenker Yassine Chikhaoui war dagegen kein Bewerbungsschreiben an den HSV. Der 21 Jahre alte Tunesier, der den Hamburgern als mögliche Alternative für den wechselwilligen van der Vaart vorschwebt, blieb blass. «Ich kann nach einem Spiel nicht sagen, was für ein Typ er ist», meinte Joris Mathijsen. «Aber er ist ein guter Techniker.» Der Niederländer sieht den HSV nach zuvor fünf sieglosen Pflichtspielen nun im Plan. «Wenn wir am Sonntag gegen Bochum gewinnen, dann sind wir wieder dabei. Wir haben zwar nicht viel gewonnen in letzter Zeit, aber auch nicht viel verloren. Unsere große Qualität ist: Wir sind nicht leicht zu schlagen.»