Ziege: Deutschland hat Entwicklung verschlafen
Düsseldorf (dpa) - 09.05.2006, 11:55 Uhr
Christian Ziege hat eine gute Zeit in Middlesbrough verbracht.
Der frühere Bundesliga-Profi und Nationalspieler Christian Ziege spricht im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) über seine Zeit beim UEFA-Cup-Finalisten Middlesbrough und über die internationale Konkurrenzfähigkeit des deutschen Fußballs. dpa: Ihr ehemaliger Club Middlesbrough steht gegen den FC Sevilla zum ersten Mal im Finale des UEFA-Cups. Viele halten das für eine Überraschung. Sie auch? Ziege: «Keineswegs. Anders als in Deutschland ist das Gros der englischen Mannschaften jederzeit in der Lage, in so ein Finale einzuziehen. Middlesbrough hat in den letzten Jahren viel investiert. Das begann mit meinem Wechsel im Jahr 1999. Zuletzt wurden Spieler wie Hasselbaink und Southgate verpflichtet. Die haben zwar ihren Zenit überschritten, sind aber immer noch überdurchschnittlich gute Spieler.»
dpa: Wo liegen die Stärken von Middlesbrough? Ziege: «Die Art und Weise, wie der Club in das Endspiel gekommen ist, spricht für sich. Das Hinspiel gegen Bukarest ging mit 0:1 verloren und im Rückspiel lag Middlesbrough 0:2 hinten. Und dann kam diese englische Mentalität ins Spiel, trotz einer unmöglichen Situation niemals aufzugeben. Eines ist klar: Die Jungs werden alles, was sie haben geben, um die Finger an den Pokal zu bekommen. Allein schon deshalb traue ich ihnen den Sieg zu. Allerdings weiß ich zu wenig über Sevilla, um zu sagen, Middlesbrough ist Favorit.» |
dpa: Die Frage, für wen Ihr Herz schlägt, erübrigt sich wahrscheinlich? Ziege: «Wenn ich meine lange Karriere Revue passieren lassen, würde ich sagen, dass ich meine schönste Zeit in Middlesbrough hatte. Das ist eine typische Arbeiterstadt, alles dreht sich um Fußball. Egal, welche Handwerker bei uns im Haus waren, alle waren mit Herz und Seele Middlesbrough-Fans. Die Leute dort sind unglaublich nett, respektieren trotz aller Euphorie deine Privatsphäre. Ich glaube, wirklich jeder aus der Gegend hat versucht, für das Finale in Eindhoven eine Karte zu bekommen.» dpa: Die Deutschen müssen sowohl beim UEFA-Cup-Finale als auch beim Champions-Finale eine Woche später wieder einmal zuschauen. Ist das eine Momentaufnahme oder ein langfristiger Trend? Ziege: «Eher ein langfristiger Trend. In Deutschland wurde die Entwicklung verschlafen. In Sachen Tempo, Taktik und Freude am Fußballspielen sind andere Nationen weiter. Wie gesagt, in England sind die Clubs bis zum achten oder neunten Platz international konkurrenzfähig. In der Bundesliga sehe ich hinter den Bayern, Bremen und mit Abstrichen Hamburg kein Team, vom dem man das behaupten könnte.»
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