Van Gaal hat der Mannschaft eine Handschrift verpasst. Der Fußball-Allwissende formte um teure Ausnahmekönner wie Arjen Robben und Ribéry, der schon in Lyon gesperrt fehlte, ein Kollektiv. Er hat den unglaublichen Mut, Talente ins kalte Wasser zu werfen. In Diego Contento (19), Thomas Müller (20) und Holger Badstuber (21) standen drei Youngster im Champions-League-Halbfinale in der Startelf, mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und dem eingewechselten David Alaba kamen insgesamt sechs Bayern-Eigengewächse zum Einsatz. Selbst van Gaal ist verblüfft. «Wir leisten Unglaubliches mit dieser Mannschaft. Das hätte ich nicht erwartet am Anfang», gestand er auf der Rückreise nach München. Der 58-Jährige hatte im Vorfeld nicht geklagt über die Personalsorgen, er ließ das 1:0 aus dem Hinspiel nicht verwalten, sondern munter angreifen. Und mit Hamit Altintop als Ribéry-Ersatz auf dem linken Flügel gelang ihm wieder ein Coup. «Da habe ich zuletzt unter Hannes Bongartz bei Wattenscheid 09 gespielt - in der Regionalliga», erzählte Altintop, der sich nach «frustrierenden Tagen» als Reservist toll einfügte ins Ensemble. Van Gaal ist mit den Spielern zu einer Einheit verschmolzen. «Sie haben zehn Monate mit van Gaal leben müssen, das ist nicht einfach. Ich habe das Gefühl, dass meine Spieler jetzt sehr froh sind.» Vor verfrühten Jubelarien warnte er aber, eine Party nach dem Spiel gab es für die Spieler nicht. «Wir haben noch nichts gewonnen, können noch alles verlieren», sagte van Gaal. Wie wahr: Auch Ottmar Hitzfeld war im Premierenjahr 1999 mit dem FC Bayern dem Triple ganz nah: Doch nach dem Meistertitel verloren die Münchner vor elf Jahren das Pokal-Finale gegen Werder Bremen im Elfmeterschießen und das Champions-League-Endspiel noch dramatischer in der Nachspielzeit in Barcelona mit 1:2 gegen Manchester United. Das soll sich nicht wiederholen. «Wir sind alle sehr hungrig», sagte Kapitän Mark van Bommel, der 2006 mit Barcelona die Krone im europäischen Fußball schon einmal erobern konnte. Bei drei Titeln hätte van Gaal seine Mission eigentlich schon erfüllt. Geht er dann wirklich, wie er kürzlich scherzhaft sagte: «Das ist die große Frage natürlich. Normalerweise kann ich mich dann nicht mehr verbessern.» Eine Stunde nach Mitternacht hatten die Spieler das Bankett schon wieder verlassen. Schon in der Kabine sei auch von Bochum gesprochen worden, berichtete Torwart Hans-Jörg Butt. «Die Fans können träumen, wir werden weiter Vollgas geben», sagte Martin Demichelis. «Am Samstag wird die Allianz Arena wieder brennen», meinte Lahm. Man schwebt auf einer Wolke. «Was den FC Bayern im Moment auszeichnet, ist eine große Familie, die sehr eng zusammengerückt ist», sagte Rummenigge demonstrativ. Man steht zu Ribéry, der private Probleme durchmacht und jetzt den Endspiel-Bann der UEFA wegstecken muss. Und Uli Hoeneß berichtete, dass die Mannschaft den Sieg Anatoli Timoschtschuk und dessen Frau Nadija gewidmet habe. Der Ukrainer fehlte in Lyon, weil die ungeborenen Zwillinge der Timoschtschuks «gefährdet» seien, so Hoeneß: «Die Fruchtblase ist im sechsten Monat geplatzt - es ist eine dramatische Geschichte.»
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