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«Magische Nacht»: Mia-san-mia-Bayern greifen an

Turin (dpa) - 09.12.2009, 10:19 Uhr

Die Bayern-Spieler jubeln nach dem 4:1-Triumph in Turin.
Die Bayern-Spieler jubeln nach dem 4:1-Triumph in Turin.

Die Leistungsexplosion verblüffte alle - und die Bankettrede eines «euphorisierten» Karl-Heinz Rummenigge geriet zu einer sechsminütigen Schwärmerei.

«Das war eine magische Nacht, ein historisches Ereignis, etwas ganz Außergewöhnliches», posaunte der Vorstandschef punkt Mitternacht im «Sala delle Feste» des Hotels Principi di Piemonte nach dem demütigenden 4:1 der wiedergeborenen Mia-san-mia-Bayern für Italiens Rekord-Champion Juventus Turin.

«Es war überwältigend, traumhafter Fußball», frohlockte auch der als Manager nun alleinverantwortliche Uli-Hoeneß-Nachfolger Christian Nerlinger. Rummenigge dankte Team und Trainer für «ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk». Es war, kurzum, ein «super-geiler Abend», wie Youngster Holger Badstuber im Jubelrausch resümierte.

Totgesagte leben länger - Deutschlands Fußball-Flaggschiff darf man einfach nie abschreiben. Mit seinem größten Sieg führte Louis van Gaal den FC Bayern doch noch ins Achtelfinale der Champions League. Selbst der knorrige Trainer taute beim Mitternachts-Dinner auf, lachte und posierte strahlend für Fotos mit den Edelfans. «Niemand hat das erwartet, dann sind die Siege noch schöner», sagte van Gaal. Schon zur Pause, als man beim Stand von 1:1 noch ausgeschieden war, war er von seinen Männern begeistert: «Ich habe in der Halbzeit nichts gesagt, nur super, super, so müssen wir weiterspielen.»

Die komplizierte Beziehung zwischen Club, Team und Trainer hat in Turin ihre größte Prüfung bestanden. Die Trennungsgedanken sind vom Tisch. «Wir tun gut daran, mit der Unruhe gelassen umzugehen und Geduld zu haben», mahnte Rummenigge und ermunterte auch den strengen Coach zum Genuss des Momentes. «Dir, lieber Louis, wünsche ich das eine oder andere Glas Rioja, damit Du zur Ruhe kommst und die eine oder andere ruhige Nacht verbringst», rief der Bayern-Boss dem 58 Jahre alten Weinliebhaber van Gaal über das Saal-Mikrofon zu.


Vor dem Genuss edler Tropfen zu Thunfischsteaks, Kalbsmedaillons in Haselnusskruste und süßer Nachspeisen erteilte Rummenigge aber noch den Jahresendauftrag: «In der Stunde des großen Erfolges möchte ich die Mannschaft an die noch zwei Bundesligaspiele in Bochum und gegen Hertha erinnern. Wir brauchen noch den einen oder anderen Punkt, damit die da oben wissen, dass wir jetzt wirklich mit Volldampf kommen», lautete die Kampfansage des FC Bayern an das Führungstrio Bayer Leverkusen, Werder Bremen und Schalke 04.

«Unser Spiel des Jahres haben wir gewonnen. Jetzt müssen noch sechs Punkte in der Liga her», betonte auch Matchwinner Ivica Olic. Nichts konnte das Team, in dem der Kroate als Dauerläufer und Torschütze das Vorbild war und Bastian Schweinsteiger in seinem «besten Spiel für Bayern» (Rummenigge) ein Chef und Gestalter im Mittelfeld, aufhalten oder umwerfen. Nicht der Schock des frühen Rückstandes durch David Trezeguet (19.), nicht die ausgelassenen Chancen in Durchgang eins, als nur der coole Torhüter Jörg Butt (30.) seinen insgesamt dritten Elfmeter gegen Juve verwandelte.

Das abgehalfterte Turiner Star-Ensemble um den mit Pfiffen bedachten Ex-Bremer Diego wurde vor 27 044 staunenden Zuschauern durch die Tore von Olic (52.), Mario Gomez (83.) und Anatoli Timoschtschuk (90.+2) förmlich zertrümmert. Es war Juves höchste Europapokal-Pleite neben einem 0:3 gegen Manchester United 2003.

«Vor vier Wochen war das noch schier unmöglich, was wir hier erlebt haben», staunte Rummenigge über die Auferstehung einer Mannschaft, die erstmals auch ohne Franck Ribéry brillierte, Willen, Teamgeist und unbändige Entschlossenheit demonstrierte. «Alle haben super mitgezogen», lobte der 20-jährige Thomas Müller.

Womöglich war es die Geburtsstunde einer großen Mannschaft. «Es gibt Schlüsselspiele in einer Saison. Ich kann mir vorstellen, dass das eines war», meinte Nerlinger. «Wenn wir jetzt noch die zwei Ligaspiele gewinnen, haben wir die Voraussetzung geschaffen, die in der Rückrunde hoffentlich den einen oder anderen Titel bringt.»

«Auch Spitzensportler brauchen Erfolge fürs Selbstvertrauen», nannte der wiedererstarkte Torjäger Gomez einen Hauptgrund für das furiose Bayern-Comeback. In der Krise nach der 0:2-Heimpleite gegen Bordeaux, als der Champions-League-K.o. schon besiegelt schien, habe sich das Team «zusammengerauft», sagte Butt - zusammen mit dem Trainer: «Er gibt der Mannschaft eine gute Hilfestellung.»

Turin soll auch «ein Signal an die Bundesliga» gewesen sein, so Butt - und über die Grenzen Deutschlands hinaus. «Die ganze Welt hat dieses Spiel geguckt und gesehen, dass der FC Bayern noch guten Fußball spielen kann», sagte Olic. «Die Mannschaften, die die Gruppenphase überstehen, können auch ins Finale kommen», tönte Butt.

Aber schon das Achtelfinale, das weitere drei Millionen Euro an Prämien bringt und in dem man auf einen Gruppenersten trifft, wird zur nächsten Reifeprüfung. «Wir kriegen einen Kracher», warnte Rummenigge angesichts möglicher Gegner wie Real Madrid, Manchester United oder dem FC Chelsea. Aber fürchten müssen die Bayern keinen, meinte «Sky»-Experte Stefan Effenberg: «Wer soll sie stoppen, wenn Ribéry mit hundert Prozent zurückkommt?»,meinte der Kapitän der Münchner Champions-League-Siegermannschaft von 2001.

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