Liverpool auf dem «Gipfel der Welt»
Istanbul (dpa) - 26.05.2005, 12:17 Uhr
Die Spieler des FC Liverpool jubeln über ihren Sieg.
Als Liverpools Kapitän Steven Gerrard um 0:42 Uhr im roten Konfettiregen des Istanbuler Atatürk-Stadions den begehrtesten Vereinspokal Europas in die Höhe riss, setzte er einen Schlusspunkt unter das atemberaubendeste Finale der Champions League. «Niemand hat bisher ein Spiel wie dieses gesehen. Die Leute werden noch in 20 oder 30 Jahren darüber sprechen», sagte FC Liverpools Verteidger Jamie Carragher, dessen Team im 50. Finale des höchsten europäischen Pokalwettbewerbs beim 3:2 im Elfmeterschießen (3:3, 0:3) gegen den AC Mailand eine sensationelle Aufholjagd bot. Erstmals überhaupt gewann ein Team im Endspiel nach einem Drei-Tore-Rückstand den Cup. Ausgelassen umtanze Stürmer Djibril Cissé den Pokal, als sei dieser eine schöne Braut. Deutschlands Nationalspieler Dietmar Hamann gröhlte die Vereinshymne «You never walk allone», aber unter den großen Jubel mischte sich bei den «Reds» auch Wehmut: Denn trotz des Sieges können die Liverpooler den Titel im kommenden Jahr vielleicht nicht verteidigen.
Weil der englische Rekordmeister national die Qualifikation verpasst hat, muss er auf eine Wild-Card der europäischen Fußball-Union (UEFA) hoffen, damit er auch im nächsten Jahr wieder in der Königsklasse mitmischen darf. «Es heißt Champions League und deshalb sollte der Champion seinen Titel auch verteidigen können», forderte der zum «Spieler des Tages» gekürte Gerrard selbstbewusst eine Teilnahme der Liverpooler in der neuen Saison. Doch vornehmlich genossen die «Reds» und ihre zahlenmäßig den Mailändern deutlich überlegenen Fans, die die Partie fast zu einem Heimspiel gemacht hatten, das Ende der 21 Jahre langen Durststrecke im Meister-Cup. Dabei waren die Liverpooler nach einer völlig verpatzten ersten Spielhälfte eigentlich schon aus dem Rennen und strebten in der zweiten Halbzeit nur noch Schadensbegrenzung an. Durch Treffer von Paolo Maldini (1.) in dessen siebtem Finale und Hernan Crespo (39./43.) führte der Favorit aus Norditalien zur Pause schon 3:0. |
«Ich bin davon ausgegangen, dass ich nach dem Schlusspfiff Tränen vergieße», gab Gerrard nach einem schier unglaublichen Wechselbad der Gefühle zu. «Aber jetzt stehe ich auf dem Gipfel der Welt.» Vor 69 500 Zuschauern schaffte der Kapitän das 1:3 (54.), danach rissen Vladimir Smicer (56.) und Xabi Alonso mit einem im Nachschuss verwandelten Foulelfmeter (60.) das längst verloren geglaubte Spiel noch aus dem Feuer. Maßgeblichen Anteil am Erfolg hatte Hamann. Nach seiner Hereinnahme zur zweiten Spielhälfte stellte Trainer Rafael Benitez auf die siegreiche Halbfinaltaktik um und schaffte die Wende. «Es ist sensationell, den Pokal in dem Wettbewerb zurückzuholen, in dem sich Liverpool vor über 20 Jahren seinen Namen gemacht hat», sagte der Mittelfeldstratege, der zeitweise selbst schon nicht mehr an den Erfolg geglaubt hatte. «Wir waren schon froh, dass wir in die Verlängerung und dann ins Elfmeterschießen gekommen sind. Wir waren vorher schon tot», gab Hamann mit Blick auf die Wadenkrämpfe einiger Mitspieler zu. Während der 31-Jährige, seine Mitspieler und die Fans ihrer Freude freien Lauf ließen, fühlte sich ein Mailänder besonders einsam: Andrej Schewtschenko. «Europas Fußballer des Jahres» erlebte im Atatürk-Stadion einen Tag, an dem er besser im Bett geblieben wäre. Kurz vor Ende der regulären Spielzeit scheiterte er schon am «Reds»- Torhüter und späteren Helden Jerzy Dudek. Doch spätestens nach seinem verschossenen Elfmeter wäre Schewtschenko am liebsten im Boden versunken. «Abende wie solche sind schwer hinzunehmen», meinte der Ukrainer, der von seinen Mitspielern auf dem Platz nur wenig Trost bekam und während der Liverpooler Jubelorgie meist abseits auf dem Platz herum hockte. Dass aber ausgerechnet die Ergebnis-Fußballer des AC Mailand, die normalerweise in rund der Hälfte all ihrer Champions-League-Spiele ohne Gegentor bleiben, mit ihrem berühmt-berüchtigten Abwehrbollwerk drei Gegentreffer zuließen, war besonders überraschend. «Im Fußball ist es wie in der Politik: Wenn du glaubst, gewonnen zu haben, verlierst du», übte Italiens Ministerpräsident und Milan-Boss Silvio Berlusconi unverhohlene Kritik an der Einstellung der Spieler. «Das war ein merkwürdiges Spiel», meinte auch Coach Carlo Ancelotti ratlos: «Wir hatten sechs verrückte Minuten. Wir sind traurig und verbittert, aber das ist Fußball.» Während Kapitän Maldini, der den fünften Triumph dicht vor Augen hatte, bei der Siegerehrung seinen vielleicht bittersten Weg antrat, träumten die Liverpooler schon von einer neuen Ära. Coach Benitez hatte als zweiter Trainer überhaupt wie schon Bob Paisley (Liverpool) 1976 und 1977 im Jahr nach dem UEFA-Cup-Sieg auch die Krone Europas geholt. «Die Geschichte des FC Liverpool ist wirklich groß. Aber seit heute ist sie ein bisschen größer», erklärte der Spanier, der im Vorjahr mit Valencia die kleiner Trophäe gewonnen hatte.
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