Magath: «Natürlich ist es schöner, wenn man mit Spielern über positive Dinge reden kann. Aber bei einem Kader von über 20 Spielern gehört es zum Tagesgeschäft eines Trainers, immer wieder unangenehme Gespräche führen zu müssen. Beim Spiel ist nur für 18 Mann Platz im Kader, davon sitzen sieben auf der Bank. Außerdem bin ich selbst unglücklich, wenn ich wie bei Tobias Rau für ihn und mich feststellen muss, dass wir beide nicht weitergekommen sind. Das habe auch ich mit zu verantworten. Aber Lizarazu zu holen, war eine Entscheidung für die Mannschaft und für den FC Bayern - und das geht immer vor.» Ihr Zwischenzeugnis fiel nach einem holprigen Start positiv aus. Wie sehr benötigen Sie dennoch einen Titelgewinn im ersten Jahr? Magath: «Ich bin mir darüber im Klaren, dass beim FC Bayern Titel verlangt werden. Ich habe es in der letzten Saison aus der Ferne beobachtet, als der FC Bayern 'nur' Zweiter geworden ist. Das ist überall anders auch ein Erfolg, aber beim FC Bayern war die Stimmung im Keller.» Wie gut können Sie als Trainer damit leben, dass Ihre Arbeit am Ende ausschließlich an Titeln gemessen wird? Magath: «Als ich Spieler beim Hamburger SV war, wurde ebenfalls jedes Jahr ein Titel erwartet. Insofern kenne ich diese Situation. Ich bin auch deswegen zum FC Bayern gekommen, um für den Verein und für mich Titel zu holen. Ich freue mich, dass ich nach der Hinrunde sogar sagen kann: Ich will mehr als einen Titel erreichen.» Die Torhüter-Diskussion in der Nationalmannschaft hat sich in der Hinrunde auch auf den FC Bayern ausgewirkt. Kann es Oliver Kahn eigentlich passieren, dass er sich wie Jens Lehmann beim FC Arsenal urplötzlich auf der Ersatzbank wiederfindet? Magath: «Oliver hat unter dem Druck der Torhüter-Debatte in der Vorrunde zwei Fehler gemacht, die von der Öffentlichkeit aufgesogen wurden. Für mich war das weit weniger tragisch. Er hat das Problem, dass der Torhüter beim FC Bayern im Spiel nicht so oft gefordert wird wie bei anderen Vereinen. Gegen Juventus Turin war das in 90 Minuten nur in einer Situation der Fall. Wenn ihm dann ein Fehler unterläuft, sieht es natürlich besonders schlecht für ihn aus. Aber ich kann mir keine Situation vorstellen, warum er bei uns auf die Bank sollte. Er hat seinen Platz hundertprozentig sicher. Und ich bin auch überzeugt davon, dass er die Nummer 1 bei der WM 2006 sein wird.» Der Torhüter-Streit hat sich durch Lehmanns Reservistenrolle bei Arsenal weiter entspannt. Inwiefern verändert das die Situation für das Aufeinandertreffen beider Clubs in der Champions League? Magath: «Für die Medien wäre ein Duell Kahn gegen Lehmann natürlich besonders dankbar. Aber je länger es so bleibt, dass Lehmann nicht spielt und Kahn bei uns eine feste Größe ist, ist die Sachlage in dem Konkurrenzkampf ohnehin klar. Aber natürlich wird Oliver Kahn in den beiden Spielen auch im Blickpunkt stehen, wenn Jens Lehmann nicht spielt. Denn Arsenal ist in der Offensive gut und wird zu Torchancen kommen. Darum muss Oliver Kahn in diesen Spielen in einer guten Verfassung sein. Ich habe aber den Eindruck gewonnen, dass Oliver nach dem Urlaub mit der Situation besser umgehen kann und er in der Rückrunde für uns ein stabiler Rückhalt wird.» Jürgen Klinsmann hat Michael Ballack zum neuen Kapitän der Nationalmannschaft gemacht. Nicht nur der Bundestrainer meint, dass ihm dies einen Schub gegeben hat. Spüren Sie dies auch im Verein? Magath: «Das kann ich nur bestätigen. Michael Ballack hat es sehr gut getan, dass er Kapitän geworden ist. Auch hier übernimmt er jetzt Verantwortung. Das tut ihm und unserem Spiel gut. Ich hoffe, er geht diesen Weg weiter und schwingt das Zepter im Mittelfeld noch mehr.» Von wem erwarten Sie in dieser Hinsicht ebenfalls noch mehr? Magath: «Wir haben einige Spieler, die sich steigern können. Ich denke an Claudio Pizarro, der durch seine Kopfverletzung im Sommer keine besonders gute Vorrunde hatte, aber uns trotzdem sehr geholfen hat. Torsten Frings brauchte als Neuzugang eine Eingewöhnungszeit, kann sich aber auch steigern. Lucio hat sich schon gut eingepasst, aber von ihm erwarte ich ebenfalls konstant Top-Leistungen. Das sind alles Spieler, die von Ihren Fähigkeiten mehr für die Mannschaft tun müssen und nicht nur für sich selbst spielen dürfen.» Kann Mehmet Scholl noch mehr als eine Teilzeitkraft sein? Magath: «Ich bin guter Dinge, dass er in der Rückrunde nicht nur in der zweiten Halbzeit eingesetzt werden kann, sondern auch von Beginn an. Und wenn er zu einer festen Größe wird, sollte auch einer Vertragsverlängerung nichts im Wege stehen.» Sie haben Bastian Schweinsteiger als positive Überraschung der Hinrunde bezeichnet. Das erstaunt, nachdem er zu Saisonbeginn sogar bei den Bayern-Amateuren in der Regionalliga spielen musste? Magath: «Bastian war im Juli in einer schlechten Verfassung, körperlich wie mental. Er hat fast nur Quer- und Rückpässe gespielt. Daher konnte ich ihn am Anfang überhaupt nicht gebrauchen. Aber er hat bei den Amateuren seine Form gefunden und sich empfohlen. Dann wurde er sogar Stammspieler auf der Position von Zé Roberto; bis auf die letzten zwei Wochen, als seine Kräfte und damit die Effektivität nachließ. In anderen Vereinen würde er vermutlich immer spielen. Aber man darf nicht übersehen, was er bei uns für eine Konkurrenz hat: Scholl, Deisler, Frings, Zé Roberto, Hargreaves, Ballack - das sind alles internationale Klassespieler. Für einen jungen Spieler hat er schon erstaunlich viel gespielt. Er muss halt Geduld mitbringen.» Geduld ist auch nicht gerade eine Tugend von Sebastian Deisler, dem Sie empfohlen haben, sich zunächst im Verein zu stabilisieren und vielleicht erst kommende Saison wieder an die Nationalmannschaft zu denken. Er dagegen will schon im März wieder für Deutschland spielen. Setzt er sich selbst zu sehr unter Druck? Magath: «Ich glaube, er wäre besser beraten, sich selbst mehr Zeit zu nehmen, anstatt die kurzfristige Perspektive im Auge zu haben.» Wenn Ihre Argumente bei Deisler nicht ziehen, könnten Sie doch einen Schulterschluss mit Jürgen Klinsmann suchen. Oder sind die Interessen von Bundestrainer und Vereinstrainer zu verschieden? Magath: «Sie sind nicht unbedingt identisch. Ich kann verstehen, dass Jürgen Klinsmann in einer Zeit, in der es für die Nationalelf um nichts geht, möglichst viele Spieler sehen will, um sie im Hinblick auf die WM einzuordnen zu können. Ich kann dabei nur meine Meinung zu einem Spieler äußern. Grundsätzlich jedoch ist der Kontakt zu Jürgen Klinsmann so gut wie bislang zu keinem Nationaltrainer. Wir reden vor jedem Länderspiel miteinander.» Leiden Sie als Vereinstrainer gegenwärtig mehr unter dem großen Ziel WM 2006, oder profitieren Sie bereits davon, weil das Turnier im eigenen Land für die Spieler eine einmalige Motivation darstellt? Magath: «Ich befürchte, dass die Vereinstrainer momentan eher leiden. Die Bedeutung, die man aktuell den Länderspielen beimisst, haben diese nicht. Es geht um nichts für die deutsche Mannschaft. Für den Bundestrainer ist das ideal, um zu experimentieren. Aber dass schon heute ständig über die WM gesprochen wird, und von den Spielern viel Aufmerksamkeit für sie verlangt wird, halte ich für verfrüht.» Meinen Sie, die Spieler belasten sich schon zu sehr mit der WM? Magath: «Ja. Aus meiner Sicht wurde schon im Herbst 2004 zu viel über die WM 2006 geredet.» Die Absage der Südamerika-Reise dürfte Sie aber gefreut haben? Magath: «Selbstverständlich. Die Belastung der Nationalspieler ist sicherlich an der Grenze angelangt. Und wenn wir tatsächlich das Ziel haben, 2006 Weltmeister zu werden, müssen wir aufpassen, dass wir die Spieler bis dahin nicht überfordern.» Können Sie es dann gut heißen, dass Clubs wie Ihrer auch noch zu Spielen nach Asien reisen wollen, um neue Märkte zu erschließen? Magath: «Das hat eine andere Grundlage. Vereine wie der FC Bayern, der seinen sportlichen Erfolg - anders als andere Clubs in Europa - gleichzeitig auch mit wirtschaftlichem Erfolg erreicht hat, müssen über den Tellerrand hinausgucken, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Schon heute ist es so, dass englische, italienische und spanische Clubs mit mehr Geld arbeiten können. Um nicht noch weiter in Rückstand zu geraten, ist es für einen Verein wie Bayern München nötig, nach neuen Märkten wie Asien und Amerika zu schielen.» Klaus Bergmann, dpa
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