Hans-Jürgen Sundermann sitzt in seiner Wohnung in Leonberg vor dem Kamin.
Als das Feuer im Kamin auszugehen droht, überlässt Jürgen Sundermann seiner Frau das Nachlegen eines Holzscheits. Das sei nichts für ihren Mann, sagt Monika Sundermann in der gemeinsamen Wohnung im schwäbischen Leonberg.
«Meine Frau meint damit, dass ich einfach weltfremd bin. Ich habe mein Leben lang nur mit Fußball zu tun gehabt und ansonsten von nichts eine Ahnung», entgegnet der frühere Trainer des VfB Stuttgart. Sundermann wird am 25. Januar 70 Jahre alt und ist schon eine Weile raus aus dem Profigeschäft. Doch Fußball ist noch immer sein Leben. Ist von ihm in Stuttgart die Rede, fällt prompt das magische Wort: der «Wundermann».
Er übernahm den VfB 1976, nachdem der Verein ein tristes Jahr in der zweiten Liga gespielt hatte. Auf Anhieb führte er ihn zurück in die Bundesliga, wurde dort gleich Vierter und im Jahr darauf deutscher Vize-Meister. «In der ersten Besprechung sagte er: Wenn hier einer ist, der nicht glaubt, dass wir dieses Jahr aufsteigen, kann er sofort den Raum verlassen», erzählt der damalige Regisseur Hansi Müller. Positives Denken ist typisch für Sundermann.
Hurra-Fußball ließ er spielen, 1977/78 trat der VfB vor 54 000 Zuschauern im Schnitt an - das war damals außergewöhnlich und ist noch heute Vereinsrekord. «Das waren alles junge Leute, die eine unheimliche Motivation hatten. Die haben ohne Taktik gespielt, immer nach vorne», erklärt Sundermann. Hinten hatte er die Förster-Brüder, im Mittelfeld Müller, davor Dieter Hoeneß. «Es hat perfekt gepasst. Sund' war der richtige Mann am richtigen Ort», sagt Müller. Er habe die Elf «heiß gemacht, das war das Sundermann'sche Hochamt», ergänzt Ex-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder. «Er war ein einmaliger Typ.»
Dazu ein Motivator, ein guter Rhetoriker und - als Kind des Ruhrgebiets - direkt in der Ansprache: «Die Leistungsfähigkeit eines Fußballers hängt von der Psyche ab. Deshalb war es immer mein Ziel, die Spieler zu begeistern», sagt Sundermann. Taktik war dem früheren rechten Läufer von Viktoria Köln und Hertha BSC Berlin nicht wichtig.
Später allerdings funktionierte das nicht mehr. Am Ende seines zweiten VfB-Engagements von 1980 bis 1982 wurde das Team nur Neunter. Und als er in der Endphase der verkorksten Saison 1994/95 noch einmal zurückkehrte, wirkte er auf das Team um Dunga, Elber und Bobic wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. «Ich habe damals nicht den Schritt gemacht, über Taktik zu reden», erklärt Sundermann. «Die Spieler sagten: Was erzählt der denn da? Das war schon eine neue Generation.»
Zwar hatte Sundermann zwischenzeitlich die marode Hertha aus der Drittklassigkeit geholt, den VfB Leipzig in die Bundesliga und Sparta Prag zur tschechischen Meisterschaft geführt. Ein längerfristiger Job in der Bundesliga war ihm aber nicht mehr vergönnt. So beendete er seine Trainer-Karriere 1999 bei Vorwärts Steyr in Österreich.
Mit seiner «Moni», einst Assistentin von Hans Rosenthal in der TV- Show «Dalli-Dalli», ist er trotz des Wanderlebens schon 44 Jahre verheiratet. Die Familie habe selbst entschieden, während seiner Ortswechsel stets in Leonberg bei Stuttgart zu bleiben. Er selbst sei da in der Hierarchie nur die Nummer fünf gewesen. «Erst kam meine Frau, dann unsere beiden Söhne, dann unser Boxer. Danach kam ich. Als der Hund gestorben war, bin ich zur Nummer vier aufgerückt.»
Beim aktuellen deutschen Fußball hört Sundermannns Humor jedoch auf. «Der is' heute doch katastrophal schlecht, dat gibt es gar nich», sagt er im Ton des Reviers, wo er 1940 in Mülheim an der Ruhr auf die Welt kam. «In anderen Ländern wird kreativer Fußball gespielt, wir haben heute aber nur Roboter auf dem Platz.» Sundermann versucht, das an der Basis zu ändern. Seit dem Ende seiner Profizeit widmet sich der Vater zweier Söhne diversen Nachwuchsprojekten. Seit einigen Jahren betreibt er das «Fußball-Ausbildungs-Centrum (FAC) Jürgen Sundermann & Team». «Für mich gibt es nichts Schöneres, als meine Erfahrungen an junge Menschen weiterzugeben», sagt er.