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Umdenken gefordert: Enke-Tod löst Diskussionen aus

Hamburg (dpa) - 12.11.2009, 22:27 Uhr

Hannover 96-Trainer Andreas Bergmann trauert in der Marktkirche.
Hannover 96-Trainer Andreas Bergmann trauert in der Marktkirche.
 
 

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Hamburg (dpa) - Der Mikrokosmos Profi-Fußball will sich öffnen: Einhellig forderten Spitzenfunktionäre, Trainer und Spieler am zweiten Tag nach dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke ein rasches Umdenken und wollen Lehren aus dem tragischen Fall ziehen.

«Depressionen dürfen kein Tabu-Thema sein», sagte Holger Hieronymus, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Gemeinsam mit der Vereinigung der Vertragsfußballer (VdV) und unter Einbeziehung der Kommission Sportmedizin des DFB werde ein offenerer Umgang mit dem Thema angestrebt. DFB-Präsident Theo Zwanziger machte die Suche nach Antworten sogar zur Verpflichtung für den deutschen Fußball.

Die Beisetzung von Enke ist am 15. November im familiären Kreis in Empede (Ortsteil von Neustadt) geplant - dort liegt auch das Grab seiner 2006 gestorbenen Tochter Lara. Bei der Gedenkfeier davor in der Arena von Hannover wird der Sarg von Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke auf dem Rasen aufgebahrt. Danach sollen eine kirchliche Andacht und Trauerreden folgen - unter anderem von Hannover 96-Präsident Martin Kind, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff und DFB-Präsident Theo Zwanziger.

 

Die komplette deutsche Nationalmannschaft wird bei der Trauerfeier noch einmal emotional mit dem Unglück konfrontiert. Erst danach will sich die DFB-Auswahl zurück in den professionellen Alltag tasten und die Vorbereitung auf das letzte Länderspiel des Jahres gegen die Elfenbeinküste beginnen. «Niemand fühlt sich in der Lage, in dieser Situation einfach zur Tagesordnung überzugehen», erklärte der sichtlich gezeichnete Bundestrainer Joachim Löw, der maßgeblich die Absage des Länderspiels gegen Chile befürwortet hatte.

Hannover 96 erwägt als Reaktion auf den Tod des achtmaligen Nationalspielers die Verlegung des Bundesliga-Spiels am 21. November bei Schalke 04. Die Profis trainieren derzeit nur individuell. Abgesagt sind bereits die Partie des Regionalliga-Teams und alle Spiele der Jugendmannschaften des Wochenendes. Immer noch fassungslos und ungläubig gab 96-Manager Jörg Schmadtke zu bedenken. «Wir haben eine Aufgabe gestellt bekommen von Robert, über die sollten wir nachdenken». Für Hannovers Clubchef Martin Kind ist die intensivere Betreuung junger Menschen eine mögliche Antwort. «Vom Grundsatz bin ich tief überzeugt, dass wir lernen müssen, uns zu öffnen», meinte Kind.


Tatsächlich gibt es im Showgeschäft Bundesliga einige Tabuthemen. Das Ende von Enke ist die Geschichte eines Helden, der keiner sein konnte. Sebastian Deisler fühlte ähnlich. «Fußball ist doch das einfachste, das es gibt, wenn nur nicht das ganze Drumherum wäre», schreibt Deisler in seinem Buch «Zurück ins Leben». Anfang 2007 hatte das begnadete Talent seine Karriere wegen Depressionen aufgegeben - und fühlte sich danach wie befreit. Nürnbergs Manager Martin Baader sieht das größte Problem im riesigen Erwartungsdruck: «Die Spieler müssen immer funktionieren. Das müssen alles Helden sein. Aber es sind ja doch nur alles junge Menschen.»

Um Themen wie Depression oder Homosexualität zu enttabuisieren, ist aus Sicht von Trainer Armin Veh auch ein Umdenken der Medien erforderlich. «Bestimmte Medien» müssten verantwortungsvoller mit solchen Tabu-Themen umgehen. «Hier wäre eine weniger sensationslüsterne, aufbauschende, aggressive und respektlose Berichterstattung hilfreich», sagte der Coach des Bundesligisten VfL Wolfsburg der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, hat mehr Menschlichkeit im Leistungssport angemahnt. «Der heutige Leistungssport lässt nicht zu, dass es Schwächen gibt, dass jemand versagt», kritisierte sie bei einem Medienempfang der evangelischen Landeskirche in Nürnberg. «Aber im Leben gibt es auch Brüche, Leben ist auch Versagen», sagte sie. Dies müsse auch im Sport akzeptiert werden. Käßmann hatte in Hannover eine Andacht für Enke gehalten.

Werder Bremens Trainer Thomas Schaaf richtete vor dem ersten Training nach Enkes Suizid einen emotionalen Appell an seine Spieler. «Scheut euch nicht, jemandem zu helfen! Scheut euch nicht, Hilfe zu suchen! Achtet aufeinander!», so Schaaf, seit mittlerweile 31 Jahren im Geschäft. Verlangt würden «Stärke, Tatkraft, Überzeugung - das sind Kennzeichen, die unser Metier bestimmen». Der 48-Jährige ist sich der Verantwortung in den kommenden Wochen bewusst. «Wir sollten das Thema bearbeiten, wir müssen darüber sprechen.» Harald Strutz, Präsident des FSV Mainz 05, würde es allerdings für «eine Überreaktion» halten, Sportpsychologen bei allen Vereinen zur Pflicht zu machen: «Leistungssportler stehen unter Druck, doch auch nicht mehr als andere Berufsgruppen.»

DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach betonte, dass die «persönliche Betroffenheit» der Spieler und Trainer das wichtigste Kriterium für die Absage des Spiels gegen Chile gewesen sei. «Das sind keine eiskalten Millionäre, die Nationalspieler geworden sind. Das hat mit Gehalt, Status, Star nichts zu tun - sie haben einen Freund verloren», sagte Niersbach. Der Selbstmord des nur 32 Jahre alt gewordenen Torhüters habe die Profis innerlich aufgewühlt. «Jeder hat sich gefragt, hast du etwas verpasst», schilderte Niersbach die Erschütterung im Team.

Auch wenn dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) durch die Absage des Freundschaftsspiels nach dpa-Informationen rund fünf Millionen Euro an Einnahmen entgehen, spielt Geld keine Rolle. «Wir wollen auch gar nicht über den wirtschaftlichen Aspekt sprechen», erklärte Niersbach. Die 37 000 Eintrittskarten, die für die Partie in Köln schon verkauft waren, werden vom DFB zum vollen Preis einschließlich aller Gebühren zurückgenommen. Köln stehe als Austragungsort für ein Länderspiel im zweiten Halbjahr 2010 ganz oben auf der DFB-Liste.

Enkes Selbstmord sorgte auch im Mutterland des Fußballs für Mitgefühl. Die renommierte Tageszeitung «The Times» bringt als Aufmacherfoto auf Seite eins ein großformatiges Bild der Enke-Witwe Teresa unter der Überschrift: «Manchmal reicht Liebe nicht aus». Italiens «Corriere della sera» titelte: Deutschland unter Schock nach dem Selbstmord von Enke. Der Abschiedsbrief im Schwarzen Herbst der gefallenen Helden.»

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