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Mehr Psychologen? Profifußball und der Fall Enke

Frankfurt/Main (dpa) - 12.11.2009, 16:38 Uhr

Sportpsychologe Philipp Laux ist beim FC Bayern in München angestellt.
Sportpsychologe Philipp Laux ist beim FC Bayern in München angestellt.

Nach dem Selbstmord von Torwart Robert Enke denken die Verantwortlichen in der Nationalmannschaft, in den Vereinen und bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) über Lehren für das Profigeschäft nach.

«Depressionen dürfen kein Tabu-Thema sein. Gemeinsam mit der Vereinigung der Vertragsfußballspieler und unter Einbeziehung der Kommission Sportmedizin des DFB müssen wir darüber nachdenken, wie wir zu einem offenerem Umgang mit dem Thema kommen», sagte DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Hieronymus verwies darauf, dass sich viele Clubs des Themas der psychologischen Betreuung bereits seit längerem angenommen hätten: So beschäftigt 1899 Hoffenheim in Hans-Dieter Hermann den Psychologen des Nationalteams, der FC Bayern München den früheren Bundesliga- Keeper Philipp Laux. Im Lizenzierungsverfahren der DFL sind für die Vereine bisher zwar sportmedizinische Kriterien aufgeführt, nicht explizit jedoch die Beschäftigung eines Psychologen. Um dies zu ändern, müsste ein entsprechender Antrag in der Ligaversammlung eingehen.

Der Bochumer Sportpsychologe Thomas Graw glaubt, dass der Selbstmord von Robert Enke auch mit Hilfe eines ständigen Teampsychologen nur schwer zu verhindern gewesen wäre. «Die Sache hätte anders ausgehen können, aber nicht müssen. Das soll nicht als Vorwurf an die behandelnden Ärzte oder Psychotherapeuten verstanden werden. Denn man ist darauf angewiesen, dass sich jemand öffnet. Und das hat Robert Enke eben nicht getan. Da kann man auch als versierter Fachmann nichts machen», sagte Graw in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Er betreut seit mehr als drei Jahren den Bundesligisten VfL Bochum.

Spitzensportler sind nach Graws Ansicht «relativ anfällig» für Depressionen oder andere psychische Probleme. «Das System ist relativ gnadenlos. Weil es letztlich nur nach einer Maxime funktioniert: Sieg oder Niederlage.» In dem Augenblick, in dem man die Erfolgs-Maxime nicht mehr erfüllen könne, müsse man das System verlassen, erläuterte der 44-jährige Diplom-Psychologe.


«Wir haben eine Aufgabe gestellt bekommen von Robert, über die sollten wir nachdenken», sagte Manager Jörg Schmadtke von Enkes Club Hannover 96. «Wir müssen uns mit der Thematik befassen, was die Betreuung junger Menschen angeht.» Die Frage, wie ausgerechnet ein gefeierter Leistungssportler in eine Situation wie Enke kommen kann, stellt sich auch Theo Zwanziger. «Wir werden sie nicht ganz schnell beantworten können. Aber wir sind es Robert Enke schuldig, eine Antwort zu finden», sagte der DFB-Präsident.

Für Generalsekretär Wolfgang Niersbach sind die Möglichkeiten des DFB «begrenzt». Enke habe den Schritt zum Arzt schon getan, sei über die erste Hürde hinweggekommen - an der andere schon scheitern. Man könne als Verband «nur appellieren». Seit zwei Jahren hat der DFB für alle Mannschaften im Junioren-Bereich einen Mentaltrainer engagiert. «Trotzdem ist es dem Einzelnen überlassen, wie er die Angebote annimmt», sagte Niersbach.

Noch ist der Schock nach der Tragödie um den Nationaltorwart zu groß, um klare Strategien zu entwickeln. «Scheut euch nicht, jemandem zu helfen! Scheut euch nicht, Hilfe zu suchen! Achtet aufeinander», appellierte Werder Bremens Trainer Thomas Schaaf in einer ersten Sofortmaßnahme an seine Spieler.

Hoffenheims Manager Jan Schindelmeiser schätzt die seit drei Jahren laufende Zusammenarbeit mit dem Sportpsychologen Hermann sehr, verwies aber darauf, dass Menschen mit Depressionen wie Enke Psychiater benötigen, um ihre schwere Krankheit behandeln zu lassen. «Aber bei einem Psychologen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er merkt: Da stimmt etwas nicht.» Dies gelte jedoch nur für Experten, die praktisch täglich mit der Mannschaft zusammenarbeiten. Schindelmeiser hält viel davon, «dass die Clubs entsprechende Positionen schaffen. Doch das müssen sie selbst entscheiden.» Wichtig sei die Qualifikation: «Von Mentaltrainern will ich nicht reden. Und wir brauchen keinen Psychiater für alle Eventualitäten.»

Harald Strutz, Präsident des FSV Mainz 05, würde es für «eine Überreaktion» halten, Sportpsychologen zur Pflicht zu machen. «Leistungssportler stehen unter Druck, doch auch nicht mehr als andere Berufsgruppen.»

Der 1. FC Nürnberg hat keinen festen Sportpsychologen, arbeitet allerdings nach Angaben von Manager Martin Bader eng mit der Universitätsklinik Erlangen zusammen. Ob das reicht? «Man muss jetzt vieles überdenken. Vielleicht muss man mit noch wacheren Augen herumlaufen»», sagte Bader und gab zu bedenken: «Die Spieler müssen immer funktionieren. Das müssen alles Helden sein. Aber es sind ja doch nur alles junge Menschen.»

Vor allem durch den Einfluss der Medien wachse der Druck auf die Profis ständig: «Es gibt da ja nur noch Schwarz und Weiß.» Nach dem Tod Enkes hofft der «Club»-Manager darauf, dass Krankheiten wie Depression künftig «vielleicht nicht mehr so ein Tabu-Thema» sind. Strutz geht das jedoch zu weit: «Wo steht denn geschrieben, dass wir die Intimsphäre aufbrechen müssen? Wer gibt uns das Recht dazu? Wir haben es mit Individuen zu tun. Wer offenbart schon gerne eine Krankheit.»

Die Angaben der Vereine im Überblick:

Bayer Leverkusen: Der Werksverein hat keinen Psychologen angestellt und dies zunächst auch nicht vorgesehen.

Werder Bremen: Es gibt keinen Psychologen im Betreuerstab. Sollten Spieler Bedarf haben, werden ihnen entsprechende Angebote gemacht.

Hamburger SV: Der Club arbeitet seit Jahren mit einem nicht angestellten Sportpsychologen zusammen. Die Spieler können ihn auf freiwilliger Basis kontaktieren.

Schalke 04: Der Revierclub äußerte sich nicht zu dem Thema.

VfL Wolfsburg: Der Meister hat keinen Psychologen im Stab.

FSV Mainz 05: Beim Aufsteiger setzt man auf die enge Zusammenarbeit der Spieler mit Trainer, Mannschaftsarzt und Betreuern.

1899 Hoffenheim: Die Kraichgauer vertrauen seit 2006 auf den Nationalmannschafts-Psychologen Hans-Dieter Hermann. Als Honorarkraft ist er mehrere Tage in der Woche beim Training und bei allen Spielen dabei.

Bayern München: Im Betreuerstab des Rekordmeisters ist der frühere Bundesliga-Torwart Philipp Laux als Sportpsychologe fest integriert.

Borussia Dortmund: Beim BVB steht kein Psychologe auf der Gehaltsliste.

Hannover 96: In der Vorbereitung stand Trainer Dieter Hecking, der kurz nach Saisonstart seinen Rücktritt einreichte, Motivationsberater Peter Boltersdorf zur Seite. Danach arbeitete der Club von Robert Enke mit keinem Psychologen zusammen.

Eintracht Frankfurt: Die Hessen verzichten bisher auf psychologische Betreuung. Unter Ex-Trainer Friedhelm Funkel wurde aber auf die Hilfe eines Mentaltrainers zurückgegriffen.

SC Freiburg: Der Aufsteiger arbeitet eng auf freier Basis mit einem Sportpsychologen zusammen.

1. FC Köln: Die Kölner haben keinen Psychologen. Sollte ein Spieler Bedarf anmelden, würde der Club helfen.

Borussia Mönchengladbach: Es gibt weder einen festangestellten noch einen Honorar-Psychologen. Wenn die Profis Hilfe benötigen, vermittelt einer der drei Mannschaftsärzte Kontakte zu einem Sportpsychologen.

VfB Stuttgart: Der VfB hat niemanden für diesen Bereich fest angestellt, arbeitet aber mit einem Sportpsychologen zusammen. Sollte ein Spieler in dieser Richtung anfragen, vermittelt ihn der Verein an diesen Experten weiter.

1. FC Nürnberg: Einen fest angestellten Psychologen gibt es nicht. Der Club kooperiert aber eng mit der Universitätsklinik Erlangen.

VfL Bochum: Der Verein arbeitet mit dem Sportpsychologen Thomas Graw auf Honorarbasis zusammen.

Hertha BSC: Die Berliner lehnten eine Auskunft ab. Bekannt ist aber, dass Hertha BSC einen Mentaltrainer angeheuert hat.

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