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Ärzte: Depression darf kein Tabu-Thema mehr sein

Berlin (dpa) - 12.11.2009, 14:13 Uhr

Robert Enke litt unter schweren Depression.
Robert Enke litt unter schweren Depression.

Schlapp, verweichlicht, willensschwach: Wer an einer Depression leidet - und das sind aktuell vier Millionen Menschen in Deutschland - muss nach wie vor damit rechnen, dass ihm Ablehnung, Unverständnis und auch Angst entgegenschwappt.

Längst ist die Depression eine Volkskrankheit, doch eine, über die man lieber nicht spricht. «Die meisten Menschen würden eine Diagnose 'Migräne' einer Diagnose 'Depression' vorziehen», weiß Prof. Ulrich Hergerl (Uniklinik Leipzig), Leiter des bundesweiten Kompetenznetzes Depression. «Depressionen werden oft unterschätzt und irgendwo zwischen Schnupfen und Einbildung angesiedelt. In Wirklichkeit aber handelt es sich um eine lebensgefährliche Krankheit.»

Auch Prof. Isabella Heuser, Psychiatrie-Chefin an der Berliner Charité, kennt das Phänomen: «Viele Patienten sagen mir: Wenn ich einen Tumor hätte, hätte ich ein Röntgenbild, und das Mitgefühl und Verständnis meiner Umgebung wären mir sicher.» Doch trotz verstärkter Öffentlichkeitsarbeit hält sich immer noch hartnäckig die Auffassung, dass Depression etwas mit persönlicher Schwäche zu tun hat.

«Doch es ist eine Krankheit, die behandelt werden kann und muss. Und das möglichst frühzeitig.» Die Ärztin wünscht sich gerade in der Fußball-Welt einen offenen Umgang. «Wenn da einer sagt: 'Wir haben ihn doch ständig untersucht, er war ja völlig gesund', ist das genau der Punkt: Nicht nur der Körper, auch die Seele kann krank werden.»

Immer wieder kommen in die Berliner Hochschulambulanz Menschen, die seit Jahren ihre Depression verheimlichen - solange, bis sie irgendwann nicht mehr können. «Das sind oft auch Manager, die sich keine Schwäche erlauben wollen. Viele kommen erst, wenn sie kurz vor dem Selbstmord stehen.» Aber das Prinzip «Ich schaffe das schon», wie es offenbar auch das Ehepaar Enke seit Jahren versucht hat, kann nach Expertenansicht nicht funktionieren: «Man kann sich aus dieser Krankheit nicht am eigenen Schopf herausziehen. Aber man kann sich Hilfe holen. Schließlich operiert man sich ja auch nicht selbst am Blinddarm oder schient sein gebrochenes Bein», sagt Heuser.


Wichtig sei eine frühzeitige Intervention. Dann bringe die Kombination aus Psychotherapie und Medikamentengabe gute Heilungschancen. «Das ist wie bei der Grippe - verschleppen ist immer schlecht», sagt Heuser. Dazu rechtzeitig den Mut zu fassen, sei immens wichtig, wenn für Depressive auch besonders schwer. «Die Krankheit ist wie ein bleierner Mantel, der sich über Körper und Geist legt», beschreibt Hegerl. Umso wichtiger, so betonen die Experten, ist also eine Umgebung, die den Erkrankten nicht durch Unverständnis, Vorurteile und berufliche Sanktionen zusätzliche Steine in den Weg legt, sich der Krankheit offen zu stellen.

Denn die Notwendigkeit dazu wird wachsen - seit Jahren nimmt die Zahl der Depressionen laut WHO weltweit zu. In Deutschland durchlebt mittlerweile jeder Zehnte im Laufe seines Lebens eine schwere depressive Episode. «Wir kennen nicht alle Gründe dafür, aber einer ist der wachsende Leistungsdruck und die immense Beschleunigung in unserer Arbeitswelt», sagt Heuser. «Und extrem ist dieser Leistungsdruck natürlich auch im Spitzensport zu finden.»

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