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Aus für Hertha-Coach Favre: Kein Land in Sicht

Berlin (dpa) - 28.09.2009, 20:53 Uhr

Während des Trainings blickt Trainer Lucien Favre auf die Uhr.
Während des Trainings blickt Trainer Lucien Favre auf die Uhr.

Vor vier Monaten fast Meister, nun gefeuert: Nach 27-monatiger Amtszeit und sechs Bundesliga-Pleiten nacheinander ist für Lucien Favre bei Hertha BSC Schluss.

Am Tag nach der 1:5-Abfuhr in Hoffenheim und einer Krisensitzung trennte sich der Tabellenletzte der Fußball-Bundesliga von seinem zuletzt glücklosen Schweizer Trainer, der erstmals entlassen wurde. «Es ist nichts, was mir leicht gefallen ist. Ich musste eine Entscheidung für Hertha BSC treffen, und das habe ich gemacht», sagte Herthas Sport-Geschäftsführer Michael Preetz.

Hertha wird im schweren Europa-League-Spiel bei Sporting Lissabon von U-23-Coach Karsten Heine betreut, der vom 29. September an schon zum dritten Mal nach 1991 und 2007 als Interimscoach einspringt. Assistent ist der langjährige Hertha-Torhüter Christian Fiedler. Ob Heine auch gegen Bundesliga-Spitzenreiter Hamburger SV noch auf der Bank sitzen wird, ließ Preetz offen. Derzeit werde ein Anforderungsprofil für den Nachfolger erstellt.

Favre ist nach Jörn Andersen (Mainz 05), Dieter Hecking (Hannover 96) und Marcel Koller (VfL Bochum) schon der vierte Trainer, der in dieser Saison vorzeitig seinen Hut nehmen musste. «Die Analyse nach zuletzt insgesamt neun Gegentoren hat mich zu der Überzeugung gebracht, dass dieser Schritt notwendig ist. Es hat sich alles verkehrt, was in der letzten Saison geklappt hat», fügte Preetz hinzu, der erst im Sommer die Nachfolge des langjährigen Managers Dieter Hoeneß antrat.

Hoeneß hatte sich auch nach Meinungsverschiedenheiten mit Favre vorzeitig verabschiedet. Nun folgte der Schweizer, der noch einen Vertrag bis 2011 und das Vertrauen von Preetz besaß, aber sich mit abgewanderten Leistungsträgern wie Torjäger Marko Pantelic und dem Neu-Hoffenheimer Josip Simunic rieb. Die Abgänge wurden auch aus finanziellen Zwängen heraus nicht adäquat ersetzt. «Wir haben vor der Saison gesagt und gewusst, dass es schwierig werden kann. Dass es so happig wird zu Beginn, haben wir uns nicht vorgestellt», gestand Preetz. Erste Aufgabe sei es, so schnell wie möglich die bedrohlichen Regionen zu verlassen.


Nach dem Vormittagstraining lächelte und winkte Favre, als wäre es schon sein Abschied. Nach dem schlechtesten Saisonstart seit der Abstiegs-Saison 1990/91 wirkte der 51-Jährige ebenso ratlos wie seine kopflos agierende Mannschaft. Einen Kommentar nach der Übungseinheit lehnte er ab, dafür kritisierte sein ebenfalls freigestellter Co-Trainer Harald Gämperle die Profis in einer Wutrede heftig. «Sie haben den Trainer, den Verein und die Fans im Stich gelassen. Sie haben noch nie zuvor bei einem solch guten Trainer trainiert», sagte er erregt. Preetz sprach von einem «Ausbruch der Enttäuschung».

Tatsächlich taumelt der Hauptstadt-Club seit Wochen von einer Blamage zur nächsten. Nach der Abreibung in Hoffenheim hatten sich Mannschaft und sportliche Leitung fast eine Dreiviertelstunde lang in der Kabine verschanzt. 17 Gegentore in sieben Liga-Spielen, das DFB-Pokal-Aus, eine sportliche Bankrott-Erklärung und Abstiegsängste zwangen die Hertha zum Handeln. Die Fans sehen im Internet Preetz und Clubchef Werner Gegenbauer als Mitschuldige - und eine Besserung scheint nicht in Sicht. Zur ohnehin langen Verletztenliste kommen neue Sorgen um Kapitän Arne Friedrich, der in Hoffenheim einen Bluterguss erlitt und womöglich in Lissabon fehlen wird.

Routinier Pal Dardai kündigte vor dem Favre-Ende an, dass sich die Spieler am 29. September zusammensetzen wollen, «um uns aus dem Loch auszugraben». Die Schuld für den Absturz nach der knapp verpassten Meisterschaft der Vorsaison liege nicht nur beim Trainer oder einzelnen Spielern. «Jeder steht unter Druck», betonte der Ungar. Nationalspieler wie Friedrich würden womöglich nicht mehr für ihre Auswahl nominiert, wenn sie weiter so spielten. Angesichts des frühen Saison-Zeitpunktes mochte Dardai aber nicht von der schlimmsten Lage sprechen, die er seit 1997 bei Hertha BSC erlebt habe. 2004 waren die Hauptstädter nach dem Rückrunden-Auftakt mit nur 13 Punkten Schlusslicht, knapp zwei Monate zuvor hatte Coach Huub Stevens gehen müssen.

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