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Schale fast futsch: Einsamer Klinsmann am Abgrund

München (dpa) - 26.04.2009, 19:11 Uhr

Jürgen Klinsmann (2.v.l.) sitzt gegen Schalke auf der Bank neben Manager Uli Hoeneß.
Jürgen Klinsmann (2.v.l.) sitzt gegen Schalke auf der Bank neben Manager Uli Hoeneß.

Aufgebrachte Fans, sprachlose Bosse, gefrusteter Top-Star - und ein Trainer am Abgrund: Alleingelassen vom schweigenden Vorstand klammerte sich Jürgen Klinsmann nach dem 0:1-Tiefschlag gegen Schalke 04 und der letzten fast geplatzten Titel-Option an sein wankendes Projekt FC Bayern.

«Ich glaube nicht, dass ich mir Sorgen um meine Position machen muss», behauptete der 44-Jährige. «Ich bin ein Kämpfer und mache das Ding weiter. Die Chemie stimmt intern.» Am Tag nach der Niederlage leitete Klinsmann scheinbar ganz normal das Training. Beim Auslaufen der Stars trabte er vor einigen hundert Zuschauern engagiert vorneweg. Eine trügerische Ruhe auf dem Vereinsgelände, denn nach dem Champions-League-Aus und dem DFB-Pokal-K.o. stehen die Bayern nun auch in der Fußball-Bundesliga vor einem Scherbenhaufen. Zwar blieb durch die 0:2-Niederlage von Tabellenführer Wolfsburg in Cottbus der Rückstand auf die Spitze weiter bei drei Punkten und damit eine Mini-Chance auf den Titel, aber nach Sturz auf Platz drei ist selbst die Champions-League-Qualifikation als Minimal-Ertrag einer Bayern-Saison akut gefährdet.

«Das, was als Ziel bleibt, ist der zweite Platz», urteilte Franz Beckenbauer als «Premiere»-Experte und bewertete schon einmal einen möglichen vorzeitigen Schlussstrich unter die Ära Klinsmann: «Es wäre jammerschade, wenn es nicht funktioniert. Der FC Bayern hat so viel investiert, Klinsmann hat so viel investiert.» Und teuer wäre eine Trennung für den Verein zudem.

Gegen die unter dem Trainer-Triumvirat Büskens/Mulder/Reck von Sieg zu Sieg eilenden Schalker hatten Klinsmann und seine spielerisch wie erstarrt wirkende Mannschaft die Vorstands-Vorgabe nach dem Kopfballtor von Halil Altintop (21. Minute) klar verfehlt. Die Tabellensituation erlaube «nur einen Ausgang: einen Sieg», hatte Karl-Heinz Rummenigge vorher gefordert - gemessen daran können die Bosse nach der siebten Saison-Niederlage kaum zur Tagesordnung übergehen. Rummenigge verließ am Samstag ebenso wie Manager Uli Hoeneß kommentarlos die Allianz Arena, in der es wieder «Klinsmann raus»-Rufe en masse gegeben hatte.

«Man kann noch so viel Ruhe ausstrahlen. Es fehlen einfach die Ergebnisse», stellte Beckenbauer fest. Der Handlungsdruck ist fünf Spieltage vor Saisonende groß - aber wird die Reißleine gezogen? Beckenbauer würde dem extrem fleißigen Klinsmann eine letzte Galgenfrist gewähren: «Das Heimspiel gegen Gladbach muss gewonnen werden. Sonst wird es für Jürgen eng, das weiß er auch.»


Geht's noch enger? Beckenbauer sieht neben dem Trainer auch die Profis «gefragt», die großen Defizite im Spiel blieben aber auch dem Vereinspräsidenten nicht verborgen. «Fußball hat auch ein bisschen was mit Hirn zu tun», grollte der Weltmeister-Trainer von 1990. Trotz 21:8 Torschüssen, 15:5 Ecken und 25:9 Flanken: ein Spielsystem mit einem Kombinationsfluss von Spielern, die Klinsmann jeden Tag besser machen wollte, war gegen Schalke nicht zu erkennen.

«Im Moment brauchen wir nicht über die Meisterschaft zu reden», meinte Nationalspieler Philipp Lahm fast resignierend. Einspruch, konterten Klinsmann («wir lassen nicht locker») und der Kapitän: «Es sind noch 15 Punkte zu vergeben, man darf nie aufgeben», mahnte Mark van Bommel. Die Jagd auf Tabellenführer VfL Wolfsburg geht aber gegen Mönchengladbach ohne Franck Ribéry weiter, der nach einem Frustfoul gegen Jefferson Farfan ebenso die Gelb-Rote Karte sah (76.) wie der Schalker Jermaine Jones (70.) nach zwei heftigen Fouls an van Bommel.

Der Platzverweis konnte aber Jones' diebische Freude über den Favoritensturz nicht trüben. «Jetzt haben wir den Bayern das Chaos richtig gebracht», stichelte der Nationalspieler. Ganz nüchtern bewertete Büskens den Ausbau seiner Gesamtbilanz als Schalke-Coach auf neun Siege, ein Remis und 22:1 Tore. «Wir haben perfekt füreinander gespielt», lobte er sein Team. Fan- und Spieler-Liebling Büskens glaubt aber, dass die Schalker Bosse in der Trainerfrage «eine große Lösung suchen». Die aktuell erfolgreiche liefert Büskens mit Youri Mulder und Oliver Reck. «Erfolg ist schwer austauschbar», meinte Nationalspieler Heiko Westermann. Erst recht, wenn Büskens das fast Unmögliche schaffen sollte - Rang fünf und den Einzug ins internationale Geschäft.

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