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Fall Dejagah zieht weite Kreise

Frankfurt/Main (dpa) - 10.10.2007, 17:48 Uhr

Ashkan Dejagah wird für seine Länderspielabsage hart kritisiert.
Ashkan Dejagah wird für seine Länderspielabsage hart kritisiert.

Im brisanten Fall des deutsch- iranischen U21-Nationalspielers Ashkan Dejagah nach dessen Absage für das EM-Qualifikationsspiel am 12. Oktober in Israel ist der Deutsche Fußball-Bund (DFB) um Schadensbegrenzung bemüht.

DFB-Präsident Theo Zwanziger will Ende der kommenden Woche ein Gespräch mit dem 21-jährigen Profi vom Bundesligisten VfL Wolfsburg über dessen Motive für die Absage der Länderspielreise nach Israel führen.

«Ich möchte zeitnah mit ihm sprechen. Mal sehen, ob wir es nach dem EM-Qualifikationsspiel der Nationalmannschaft am kommenden Mittwoch in München hinbekommen. Das ist meine Wunschvorstellung. Aber die Dinge bedürfen intensiver Beratung ohne Zeitdruck», sagte Zwanziger nach der Landung der U21-Auswahl in Tel Aviv. An dem Gespräch werden auch Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, DFB-Sportdirektor Matthias Sammer und U21-Trainer Dieter Eilts teilnehmen. Bereits am Vortag hatte Zwanziger ein Telefonat mit Charlotte Knobloch geführt. Die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland hatte den Ausschluss Dejagahs aus deutschen Auswahlmannschaften gefordert.

«Er hat durch seine Aussagen die Sache etwas fehlgeleitet. Wenn er sich aber mit dem identifiziert, was im Iran gepredigt wird, werden wir das nicht akzeptieren. Sonst würden wir vor einem Regime kuschen, das den Holocaust leugnet», sagte Zwanziger. Jegliche Form der Diskriminierung dürfe nicht Bestandteil des deutschen Fußballs sein. Andererseits könne der Fußball auch «kein Reparatur-Apparat für die deutsche Gesellschaft» sein. Zwanziger: «Wir übernehmen Verantwortung für das, was wir leisten können. Die Freundschaft zwischen Deutschland und Israel steht nicht auf dem Spiel.»

Der DFB-Präsident zeigte gewisses Verständnis für Dejagah. «Ich weiß, dass wir einem 21-Jährigen, der nur Fußball spielen will, viel zumuten. Er ist ein junger Mensch, dem man die Möglichkeit einräumen muss, über seine Entscheidung nachzudenken.» Vor seinem Abflug hatte Zwanziger mit dem deutschen Botschafter in Tel Aviv, Harald Kindermann, telefoniert, der ihm versichert habe, dass der Fall in Israel sehr sachlich aufgenommen worden sei. Im Gegensatz zu den iranischen Medien, bei denen der Fall Dejagah ein zentrales Thema war. Das staatliche Fernsehen bezeichnete Dejagahs Entscheidung als «ein sehr ehrenvolles Verhalten von einem jungen Mann, der nicht mal im Iran aufgewachsen ist». Die Offiziellen des iranischen Fußball-Verbandes hielten sich mit Kommentaren zurück.


Unterdessen besuchte eine DFB-Delegation unter Leitung von Zwanziger zwei Tage vor dem Spiel in Israel die Holocaust-Gedenkstätte in Jad Vaschem. Nach dem 90-minütigen Rundgang, bei dem Zwanziger zum Gedenken an die rund sechs Millionen Opfer des Holocaust einen Kranz niederlegte, zeigte sich der DFB-Chef tief beeindruckt. «Wir müssen uns immer wieder die Frage stellen, wie konnte das passieren. Wenn man hier steht, empfindet man Ohnmacht, aber auch immer wieder Hoffnung», sagte Zwanziger, der von Sportdirektor Matthias Sammer, U 21-Trainer Dieter Eilts und als Spielervertreter von Florian Fromlowitz vom 1. FC Kaiserslautern begleitet wurde.

Die Bundesregierung will sich nicht in den Fall «Dejagah» einmischen. Das sei in erster Linie eine Angelegenheit des DFB, sagte ein Sprecher von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) in Berlin. Dass DFB-Präsident Zwanziger das Gespräch suchen will, sei «sicherlich der richtige Ansatz». Der Sprecher betonte, grundsätzlich sollte jeder Spieler einer deutschen Nationalmannschaft «bereit und in der Lage sein», in jedem Land zu spielen, mit dem Deutschland sportliche Beziehungen unterhält. Politische Überlegungen sollten dabei keine Rolle spielen.

Der VfL Wolfsburg hat derweil versucht, die Wogen etwas zu glätten und den 21-Jährigen vorerst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. VfL-Coach Felix Magath gab ihm trainingsfrei. «Ashkan ist nicht suspendiert worden. Er wird weiterhin mit der Mannschaft trainieren», sagte der 54-Jährige nach der Übungseinheit.

Der Fall Dejagah war auch in Berlin bei der A-Nationalmannschaft bei deren Vorbereitung auf die EM-Qualifikationsspiele ein Diskussionsthema. «Das ist ein schwieriger Fall, dessen Auswirkungen man so nicht erwartet hatte. Wenn man es heute so sieht, würde man es natürlich anders machen. Es wäre richtig und gut gewesen, wenn wir den Spieler dabei gehabt hätten», meinte Bierhoff. «Wir wollen Nationalspieler haben, die sich mit unserem Land identifizieren. Wenn dies nicht der Fall ist, müssen wir reagieren.»

Der aus dem Iran stammende Bundestagsabgeordnete der Grünen, Omid Nouripour, nahm Dejagah in Schutz. «Man muss seine Spielabsage für Israel akzeptieren. Alles andere, was bisher verlautbart wurde an Hysterie, ist der Sache nicht angemessen», sagte er im Saarländischen Rundfunk. Dejagahs Entscheidung sei zwar politisch sehr schade, «aber es ist moralisch sehr schwer zu verurteilen, dass er versucht, seine Familie zu schützen». Den von einigen Politikern geforderten Ausschluss hält Nouripour für nicht gerechtfertigt. «Es ist nicht seine Schuld, dass in seinem iranischen Pass ein Stempel ist, in dem ihm mit bis zu zwei Jahren Freiheitsentzug gedroht wird, wenn er nach Israel reist». Der «TAZ» sagte der Grünen-Politiker: «Wenn Spieler wie Dejagah nicht die Kraft haben, sich gegen das gesamte iranische Establishment zu stellen, dann kann man die nicht mit der großen Moralkeule verhauen.»

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