Zehn Ausfälle, acht Tore und die längste Ehrenrunde seit der Meisterschaft 2004: Werder Bremen hat sich trotz großer Personalnot mit einer bemerkenswerten Gala-Vorstellung und einem 8:1-Sieg für das Champions-League-Spiel gegen Olympiakos Piräus warm geschossen.
«Mal läuft es toll, mal tun wir uns schwerer», sagte Werder-Trainer Thomas Schaaf und versuchte nach dem berauschenden 8:1 (4:1) in seiner unnachahmlichen Art, die Euphorie vor der Partie am Mittwoch zu dämpfen. Sein Kollege war dagegen fassungslos. «Das ist der schwärzeste Tag meiner Bundesliga-Laufbahn, wir haben uns abschlachten lassen», stöhnte Ernst Middendorp, der noch vor wenigen Tagen vom Europapokal schwadroniert hatte und sich nach dem Debakel wieder auf den Abstiegskampf einstellen muss.
Zur Halbzeit gab es Ovationen, nach Spielschluss kein Halten mehr. Die Fans bejubelten die glänzende Darbietung der erneut ersatzgeschwächten Bremer und feierten die Tore von Peter Niemeyer (17.), Hugo Almeida (35., 88.), Boubacar Sanogo (41., 44.), Per Mertesacker (59.), Markus Rosenberg (66.) und Diego (85.). «Das war fast wie im Rausch», sagte Diego zum höchsten Werder-Sieg seit dem 8:1 gegen Kickers Offenbach vor knapp 24 Jahren (26. November 1983). «Das ist unheimlich gut fürs Selbstvertrauen.»
«Wir haben ein Signal gesetzt», verkündete der groß aufspielende Brasilianer, der drei Tore vorbereitete und per Freistoß selber traf. In der Tat war den Bremern bei ihrer Lehrstunde für die Bielefelder der Ausfall von immerhin noch zehn verletzten, kranken oder gesperrten Spielern überhaupt nicht anzumerken, so dass Klaus Allofs mit Blick auf die Bundesliga-Konkurrenz zu einer ähnlichen Einschätzung wie Diego kam. «Wenn auf der Tafel im Stadion immer das Licht angeht und ein Tor angezeigt wird, wird das auf der Bank registriert, das setzt Ausrufzeichen», sagte der Werder-Manager: «Uns haben alle auf der Rechnung.» Allerdings kamen mit Sanogo und Tim Wiese zwei Spieler hinzu, die angeschlagen sind.
Begeistert und berauscht war vor allem das vor einem Jahr aus Hannover gekommene Geburtstagskind Per Mertesacker. «So etwas habe ich noch nie erlebt. Das war wie eine große Familie», gab der Nationalspieler zu: «Dass es so ein Fest wird, hätte ich nicht gedacht.» Während der 90 Minuten hatte er sich vor allem an dem «tollen Rhythmus» erfreut: «Das war beeindruckend.»
Die völlig überforderten Bielefelder, für die Artur Wichniarek (37.) zwischenzeitlich getroffen hatte, schlichen nach der zweithöchsten Bundesliga-Niederlage seit dem 1:11 gegen Borussia Dortmund (6. November 1982) frustriert vom Platz. Drei Mal ohne Punkt blieben die Arminen in der englischen Woche und landeten damit nach dem gelungen Saisonstart schmerzhaft auf dem Boden der Tatsachen. «Die Mannschaft hat sich aufgegeben», schimpfte Middendorp, «sie war bereit, sich das Desaster anzutun.» Der Coach, der selbst die Euphorie geschürt hatte, klagte nun: «Selbst nach dem 0:2 haben sie versucht, hinten rumzudribbeln und haben die Bälle verloren.»
Am kommenden Spieltag gegen den Hamburger SV werde er «eine andere Mannschaft» auflaufen lassen, sagte Middendorp, ohne Namen zu nennen. «Das ist nicht in ein paar Stunden aufzuarbeiten, auch nicht in ein paar Tagen.» Erschrecken sollte ihn seine eigene «Erkenntnis, dass diese Mannschaft so nicht bundesliga-tauglich ist».