Ein aberkanntes Tor, ein nicht gegebener Elfmeter, eine übersehene Tätlichkeit: Nach der erneuten Pleite im Berlin-Brandenburg-Derby verstanden Spieler und Verantwortliche von Hertha BSC die Welt nicht mehr.
Da hatten die nun schon seit sieben Pflichtspielen sieglosen Hauptstadt-Profis mächtig Gas gegeben, Manager Dieter Hoeneß sprach sogar von «teilweise Traum-Fußball», doch die drei Punkte holten sich die «Oranjes» vom FC Energie ab.
«Wenn das kleine Cottbus in einer Saison sechs Punkte holt gegen Berlin, dann ist das nicht normal», erklärte Petrik Sander. Der stolze und entspannte Energie-Coach plauderte nach dem Spiel noch lange mit den Journalisten, ein Bild, das es seit Monaten so nicht mehr gegeben hatte.
«Es kommt auch alles zusammen, alle engen Entscheidungen fallen in dieser Situation gegen uns», sagte hingegen Sanders Kollege Falko Götz und ärgerte sich über den erneut misslungenen Versuch, das Ergebnis dem durchaus ansehnlichen Spiel seiner jungen Mannschaft anzupassen. «Die Dinger gehen einfach nicht rein», meinte Patrick Ebert, der vor 51 831 Zuschauern - darunter mindestens 8000 aus der Lausitzer Provinz - der Wirkungsvollste aus der jungen Hertha-Garde war. Dazu hatten die Berliner Pech, dass Referee Jochen Drees einen Kopfstoß des Cottbusers Zoltan Szelesi übersah und den Ausgleich von Ashkan Dejagah wegen Handspiels nicht gab.
Vor allem aber der Ex-Berliner Gerhard Tremmel, der in Cottbus bisher alles andere als glücklich wurde, verhinderte mit einer famosen Leistung im Tor einen Erfolg seiner ehemaligen Kollegen. «Das war kein normales Spiel, die 90 Minuten waren eine emotionale Achterbahnfahrt. Aber es hat Spaß gemacht», kommentierte der 28- Jährige den Abend, der für ihn erst spät nach Dopingkontrolle endete. «Gerry hat überragend gehalten. So einen Tag wird er nie wieder haben», lobte Herthas junger Spielgestalter Kevin Boateng den Cottbuser Schlussmann.
Erst eine Gehirnerschütterung von Energie-Urgestein Tomislav Piplica, der schon die ersten drei Cottbuser Bundesliga-Jahre von 2000 bis 2003 erlebt hatte und im Team wesentlich mehr Sympathien bekommt als Tremmel, brachte dem Herausforderer eine Chance. «Er hat unter Beweis gestellt, dass er ein sehr guter Bundesliga-Torwart ist», erklärte Sander. Ob der Coach nun vielleicht sogar an eine Veränderung der bisherigen Rangordnung seiner Keeper denkt, ließ er offen: «Wir sollten uns erst einmal über den Sieg freuen, alles andere stellen wir zurück.»
Tremmels Paraden und der zehnte Saisontreffer von Top-Torjäger Sergiu Radu (47. Minute), der laut Sander wenige Stunden vor dem Spiel noch «fast an Krücken gelaufen war» und nur mit einer schmerzstillenden Spritze spielen konnte, brachte Energie mit jetzt 31 Punkten für einen Tag wieder auf Platz neun in der Fußball- Bundesliga. «So verrückt ist die Bundesliga in diesem Jahr», betonte Sander. Hertha hat gerade mal drei Zähler mehr, ein internationaler Startplatz für die neue Saison ist so gut wie abgeschrieben, aber von Panik wollten die Berliner nichts wissen.
«Man hat doch gesehen, dass die Mannschaft intakt ist», sagte Manager Hoeneß, nachdem der Ärger über einen nicht gegebenen «Elfer» nach Trikotzupfer von Energie-Kapitän Kevin McKenna an Marko Pantelic verraucht war. «Das hätte auch eine Karte geben müssen, das war ganz klar eine Spiel entscheidende Situation», bemerkte Trainer Götz, der turbulente zwei Wochen bis zum nächsten Spiel in Nürnberg fürchtet: «Ich kenne ja Berlin. Mir wäre lieber, wir könnten Mittwoch schon wieder spielen.»