Doll verordnet kollektive Lust auf Stuttgart
Hamburg (dpa) - 06.11.2006, 15:20 Uhr
HSV-Trainer Thomas Doll bei einer Pressekonferenz in Hamburg.
Party war gestern, nun herrscht wieder Tristesse beim Hamburger SV. Nach dem rauschenden Fest zu Uwe Seelers 70. Geburtstag zittert der dienstälteste Fußball-Bundesligist vor dem Spiel beim Tabellenzweiten VfB Stuttgart. Seit Monaten stolpert der HSV durch Bundesliga und Champions League und erkennt sich selbst nicht wieder. Lediglich ein Sieg in 18 Pflichtspielen seit dem 1. August ist geradezu Folter für die Fans. Trotz Missmuts, Selbstzweifeln und Verletztenmisere verordnet Trainer Thomas Doll seinem verunsicherten Team kollektive Lust auf den VfB Stuttgart: «Flutlicht, 20 Uhr, volles Haus, keiner glaubt an dich - etwas Besseres gibt es nicht, um eine Trotzreaktion zu zeigen.» Die Verzweiflung bei Doll nach der 1:3-Heimpleite in der Champions League gegen den FC Porto ist mittlerweile Trotz gewichen. Motto nach dem 0:1 beim VfL Wolfsburg: Jetzt erst recht! «Ich schmeiße auf keinen Fall hin», lautet die Kampfansage des Trainers. Allerdings will er spätestens dann die Notbremse ziehen, wenn er glaubt, die Mannschaft nicht mehr zu erreichen. Doch die steht hinter ihm. Verteidiger Bastian Reinhardt: «Es liegt doch nicht am Trainer. Im Verein würde sich keiner freuen, wenn der Trainer gehen müsste.» Auch Piotr Trochowski lässt nichts auf den Coach kommen. «Schade, dass wir dem Trainer das Vertrauen nicht durch Siege zurückzahlen können», bedauert der Jung-Nationalspieler.
Bayern-Vereinschef Franz Beckenbauer sieht in Doll den Retter in der Not. «Na klar muss man sich Sorgen machen. Aber Thomas ist ein Sympathieträger, den der HSV in der jetzigen Lage braucht.» Das meinen auch die Fans, die auf Spruchbändern und in Sprechchören forderten: «Außer Thomas könnt ihr alle gehen» und «Vorstand raus». Vereinschef Bernd Hoffmann sieht sich dabei als Prellbock: «Besser ich kriege das alles ab als der Trainer - auch wenn das ziemlich wehtut.» Doll ist die Rückendeckung schon beinahe peinlich. «Auch ich bin Teil der Mannschaft», bekennt er. Aber auch dem Trainer kommt bisweilen der Optimismus abhanden. «Wir haben in drei Monaten alles umgeworfen, was wir uns aufgebaut haben. Es kotzt mich an», lautete sein Klageruf nach der Niederlage in Wolfsburg. Doch schnell besinnt er sich auf seine Rolle als Motivator und verkündet: Alle, ob Mannschaft, Trainer und auch Vorstand, würden gestärkt aus dieser Situation hervorgehen. Dass sein Team so tief in der Krise steckt, ist auch ein Ergebnis anhaltenden Verletzungspechs. Kaum kehrt einer der teuren Profis nach mehreren Wochen genesen zurück, fällt der nächste aus. Konstanz buchstabiert sich anders. Nun hat es Juan Pablo Sorin erwischt, der wegen eine Muskelfaserrisses drei bis vier Wochen fehlt. Weiterhin auf der Ausfallliste stehen: Vincent Kompany, Bastian Reinhardt, Guy Demel, Nigel de Jong, Raphael Wicky, Collin Benjamin. «Wir wollen nicht über Glück oder Pech sprechen», seufzt Doll, um anschließend die Stimme zu erheben: «Wir glauben weiterhin an uns.»
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