Michael Ballack sagt nach vier Jahren in München ohne Wehmut «Servus» - den Kapitän der Nationalmannschaft zieht es nach der Fußball-Weltmeisterschaft nach London zum Millionen-Club FC Chelsea.
Der Mittelfeldstar wird dem FC Bayern und der Bundesliga am Saisonende mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Rücken kehren und wenige Wochen vor seinem 30. Geburtstag erstmals in seiner Profi-Karriere ins Ausland wechseln. Deutschlands bestbezahlter Fußballer beendete das Monate lange Versteckspiel um seine künftige sportliche Heimat. «Ich stehe in ernsthaften Verhandlungen mit dem FC Chelsea», sagte der Sachse in München bei der Präsentation des neuen Buches «Ballack - Sein Weg».
Allerdings sei der bevorstehende Wechsel nach England noch nicht endgültig unter Dach und Fach, wie Ballack einschränkte: «Es ist noch nichts unterschrieben, aber ich weiß, was ich will.»
Die Unterschrift unter den neuen Traumvertrag des russischen Milliardärs und Chelsea-Besitzers Roman Abramowitsch, der ihm über eine Laufzeit von vier Jahren umgerechnet mehr als 40 Millionen Euro einbringen soll, scheint nur noch Formsache bzw. eine Frage der Zeit zu sein. «Ich hoffe, dass die Sache vor der WM geklärt ist», sagte Ballack. Erstmals gab sich der gebürtige Görlitzer keine Mühe mehr, seine Zukunftspläne öffentlich zu verschleiern. «Der FC Chelsea ist ein Top-Verein», betonte Ballack - national wie international.
Mit Chelsea-Trainer José Mourinho hat er nach ersten Gesprächen anscheinend schon eine gemeinsame Wellenlänge gefunden. «Man kann davon ausgehen, dass dabei bei mir ein gutes Gefühl herübergekommen ist», berichtete Ballack, der sich auch klar zu seinen Motiven äußerte. Geld allein sei nicht entscheidend gewesen. «Ich wollte schon immer einmal im Ausland spielen», betonte er vielmehr. Schon vor vier Jahren habe er ein Angebot von Real Madrid gehabt, «aber da kam die Offerte von Bayern München». Mit der WM 2006 im eigenen Land vor Augen, entschied er sich gegen Real. Vor zwei Jahren scheiterte dann ein Wechsel zum FC Barcelona in letzter Minute an dem Veto der Bayern. «Ich bin jetzt 29. Und jetzt ist die letzte Möglichkeit gekommen, den Schritt ins Ausland zu wagen», erklärte Ballack.
Der FC Bayern sei trotz der Auslands-Pläne nicht von Anfang an aus dem Rennen gewesen. Die Möglichkeit, den am Saisonende auslaufenden Vertrag in München zu verlängern, habe absolut bestanden. «Ich habe lange mit mir gerungen», beteuerte Ballack. Über 30 Millionen Euro hatten ihm die Bayern für einen neuen Vertrag bis 2010 geboten, aber Ballack schlug die lukrative Offerte aus. Nach dem Rückzug des Angebotes durch den FC Bayern im vergangenen November habe er ganz bewusst kein Gespräch mehr mit Manager Uli Hoeneß gesucht, da er sonst vielleicht doch noch in München geblieben wäre. «Der Uli ist ein Mordstyp», erzählte Ballack: «Wenn der einen um den Finger wickelt, ist es schwer, da wieder zu entkommen.»
Eine Flucht aus München ist der Wechsel nach England nicht, aber besonders schwer fällt ihm der Abschied nicht. Auch wenn er mit dem Rekordchampion in den kommenden Wochen noch einmal das Titel-Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal gewinnen kann, zog er bereits jetzt nüchtern Bilanz. «Der ganz große Erfolg ist ausgeblieben in den vier Jahren, aber national haben wir für Schlagzeilen gesorgt», bemerkte Ballack, der 2002 für sechs Millionen Euro von Bayer 04 Leverkusen nach München gewechselt war. Jetzt geht er ablösefrei.
Die jüngsten kritischen Töne aus der Bayern-Chefetage dürften ihm sein leises «Servus» zusätzlich erleichtern. Hoeneß hatte ihm unterstellt, dass Geld das Hauptmotiv für den Wechsel zu Chelsea sei. Und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge merkte kritisch an, dass man unter Ballacks Vorgänger Stefan Effenberg in der Champions League viel erfolgreicher gewesen war. «Ich war ein bisschen irritiert von den Aussagen von Uli und Kalle», räumte Ballack ein. Kritik und kleinere Streitereien gehörten zwar zum Geschäft («Manchmal muss man sich auch fetzen»), aber er hätte sich in all' den Jahren häufig mehr Rückendeckung gewünscht. «Wenn ich Vertrauen gespürt habe, habe ich mich selber auch wohlgefühlt und gute Leistungen gebracht.»