Kontrollausschuss-Chef kündigt Strafe gegen Schmidt an

Leverkusen (dpa) - 22.02.2016, 13:27 Uhr
Kontrollausschuss-Chef kündigt Strafe gegen Schmidt an
Leverkusens Trainer Roger Schmidt (l) diskutiert mit dem vierten Offiziellen Christoph Bornhorst. Foto: Marius Becker

Unwürdiger Auftritt, rufschädigendes Verhalten, überflüssiger Eklat - nach der bislang einzigartigen Spielunterbrechung von Leverkusen diskutiert Fußball-Deutschland über Bayer-Coach Roger Schmidt.

Das trotzige Gebaren des Trainers im Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund (0:1) wird zum Fall für den Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes.

Der Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses kündigte bereits vor der offiziellen Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens eine Strafe für Schmidt an. «Es wird sicher eine Sanktion geben. Aber welche, das kann ich noch nicht sagen», sagte Anton Nachreiner am Montag gegenüber Sport1. Man werde versuchen «eine schuldangemessene Sanktion zu finden».

Der weitere Verfahrensweg sieht vor, dass der Kontrollausschuss eine Stellungnahme von Schmidt einfordern und danach eine Anklage vor dem DFB-Sportgericht erheben wird. Bereits am «Dienstagnachmittag oder am Mittwoch» werde es eine Entscheidung geben, kündigte Nachreiner an.

Er kritisierte den Leverkusener Trainer ausdrücklich. «So ein Verhalten ist noch nie da gewesen. Es war sehr ungewöhnlich, dass das ein Trainer so praktiziert», sagte er. «Wenn der Trainer einfach nicht gehen will, was soll der Schiedsrichter da noch machen? Ein Spieler muss auch gehen, wenn er des Feldes verwiesen wird, auch, wenn es ein umstrittener oder ungerechter Platzverweis ist.»

Trotz dieser Aussagen kann über das Ausmaß der Strafe für Schmidt derzeit nur spekuliert werden. Die Rechts- und Verfahrensordnung des DFB sieht laut Paragraph 8 «für Nichtbefolgung der Anordnungen des Schiedsrichters eine Sperre von einer Woche bis zu drei Monaten» vor. Allerdings gilt dieser Paragraph nur für «Strafen gegen Spieler».

Nach seiner Weigerung, den Anweisungen des Schiedsrichters Folge zu leisten und den Innenraum des Stadions zu verlassen, drohen sportrechtliche Konsequenzen. «Eine längere Sperre für Roger Schmidt ist durchaus denkbar», sagte DFL-Schiedsrichterberater Hellmut Krug der «Bild».

Es gilt als wahrscheinlich, dass der DFB nach Sichtung des Schiedsrichter-Sonderberichtes Ermittlungen einleiten und Schmidt um eine Stellungnahme bitten wird. Erst danach wird über eine Anklage vor dem Sportgericht des Verbandes entschieden. Für Nichtbefolgung der Anordnungen des Schiedsrichters sieht die Rechts- und Verfahrensordnung zumindest bei Spielern Sperren von einer Woche bis zu drei Monaten vor.

Erst am Tag danach waren die Leverkusener bemüht, die Wogen zu glätten. «Ich werde mich zu diesem Thema nicht äußern. Es ist dazu viel gesagt - Qualifiziertes und Unqualifiziertes», erklärte Bayer-Geschäftsführer Michael Schade auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. «Warten wir ab, was passiert. Es nützt doch nichts, Öl ins Feuer zu gießen.» Er habe mit Trainer Schmidt besprochen, das Geschehen öffentlich nicht weiter zu kommentieren: «Wenn es etwas gibt vom DFB, werden wir uns äußern.»

Am Abend zuvor ging es weniger diplomatisch zu. So dürfte der nur bedingt reumütige Auftritt von Schmidt rund eine Stunde nach dem Spiel kaum dazu beigetragen haben, die DFB-Juristen zu besänftigen. Zwar räumte er ein, seiner «Vorbildfunktion als Trainer nicht gerecht geworden» zu sein und sich «zu stur» verhalten zu haben, erneuerte aber seine Kritik an Schiedsrichter Felix Zwayer.

Der Coach stellte indirekt einen Zusammenhang her zwischen der fast zehnminütigen Spielunterbrechung und einer Fehlentscheidung von Zwayer wenige Minuten nach Wiederanpfiff der Partie bei einem Handspiel des Dortmunder Sokratis im Strafraum. «Dass der Schiedsrichter bei freier Sicht diesen Elfmeter nicht pfeift, vielleicht auch, weil ich vorher zu emotional war. Ich hoffe nicht, dass es so war, aber mir fällt keine andere Erklärung dazu ein.» Zwayer gab nach Spielende zu, in diesem Fall falschgelegen zu haben.

Auch der Wutausbruch von Rudi Völler beim TV-Sender Sky, der schon kurze Zeit später im Internet zu einem echten Klick-Hit wurde, verbesserte die Leverkusener Verhandlungsposition eher nicht. «Dass war ein tausendprozentiger Strafstoß», klagte der Leverkusener Sportdirektor. Das Fehlverhalten von Schmidt wertete er hingegen weniger kritisch: «Warum muss sich der Schiri so aufpumpen. So eine Nummer daraus zu machen, die Spieler müssen reingehen, als wäre hier was Furchtbares passiert - das ist übertrieben.»

Völler sieht die Leverkusener in der Opferrolle: «Ich weiß, die Schiedsrichter werden sich wieder alle gegenseitig in Schutz nehmen. Jeder wird sagen, unser Trainer hätte vom Platz gehen müssen.» Auf Fragen nach den nun drohenden Konsequenzen reagierte der Sportdirektor gar sarkastisch: «Ich weiß nicht, ob der Herr Zwayer nun gesperrt wird. Das kann ich mir nicht vorstellen.»

Das Regelwerk leistet den Leverkusenern keine Argumentationshilfe. Dass der zum Dortmunder Siegtreffer führende Freistoß knapp sechs Meter vom «Tatort» entfernt ausgeführt wurde, liegt im Ermessensspielraum des Schiedsrichter. Darüber hinaus ist der Referee nicht verpflichtet, dem Trainer die Gründe für den Tribünenverweis persönlich zu erläutern.

«Schiedsrichter Felix Zwayer hat in der Situation nach dem Dortmunder Treffer regeltechnisch richtig entschieden. Es kann nicht sein, dass der Trainer eine Entscheidung ignoriert und eine persönliche Erklärung des Unparteiischen durch sein Verhalten erzwingen will», kommentierte Herbert Fandel, Vorsitzender der DFB-Schiedsrichterkommission.

Ähnlich argumentierte der Dortmunder Mats Hummels, der als Mannschaftskapitän genau wie sein Gegenüber Stefan Kießling von Zwayer während der Spielunterbrechung in die Schiedsrichter-Kabine gebeten worden war: «Als Schiedsrichter hast du so viele gegen dich. Wenn du eine Entscheidung gegen die Heimmannschaft triffst, hast Du elf Spieler, den Trainer, den Co-Trainer und 20 000 Fans gegen Dich. Da kannst Du dich nicht immer rechtfertigen und alles erklären.»

Interview von Völler mit Sky

Aussagen von Bayer-Coach Schmidt bei Pk

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