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Psychiater Holsboer: Schleifer sind out

Berlin (dpa) - 23.09.2011, 11:25 Uhr

Professor Florian Holsboer (Foto von 2005) hält den Trainer-Typ des Schleifers für out.
Professor Florian Holsboer (Foto von 2005) hält den Trainer-Typ des Schleifers für out.

Professor Florian Holsboer, Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, fordert nach dem krankheitsbedingten Rücktritt von Schalkes Trainer Ralf Rangnick, dass sich der Profi-Fußball weiter öffnen muss.

«Jeder Bundesligist sollte einen Psychologen haben», sagte der Mediziner der Nachrichtenagentur dpa. Der Trainertyp Schleifer tauge nicht als Zukunftsmodell. «Der 'Typ Magath' ist out», meinte Holsboer, der den zurückgetretenen Fußball-Star Sebastian Deisler wegen Depressionen behandelt hatte.

Wie überrascht sind Sie vom Fall Rangnick?

Holsboer: «Ich bin überhaupt nicht überrascht, dass jetzt auch ein prominenter Trainer an die Öffentlichkeit gegangen ist. Das Leben auf Schalke ist ziemlich heftig, stelle ich mir vor. Es überrascht mich auch nicht, dass jemand, der unter einer besonderen psychischen Belastung und unter chronischem Stress steht und eine Disposition für eine Depression hat, an der auch erkrankt. Ob Ralf Rangnick eine Depression hat, kann ich nicht sagen. Ich kenne den Fall nicht, aber großes Kompliment an ihn. Ich erkläre Ralf Rangnick höchstpersönlich zum Helden. Wenn solche Identifikationsfiguren mit solchen Beschwerden so offen umgehen, hat das Signalwirkung für andere Menschen und kann lebensrettend sein.»

Moment mal, bei Ralf Rangnick wird von einem Erschöpfungssyndrom, gesprochen, einem Burnout.


Holsboer: «Seit neuestem nennt man Depression Burnout. Das Wort Depression hat ein Stigma. Wie man die Krankheit nennt, ist völlig egal. Wichtig ist, dass man dagegen etwas tut.»

Welche Lehren muss der Profi-Fußball aus dem Fall Rangnick ziehen?

Holsboer: «Jeder Bundesligist sollte einen Psychologen haben, so wie er einen Physiotherapeuten hat. Die Vereine müssen offen damit umgehen, sie müssen wissen, dass man sich auf Bundesliga-Level eben auch leicht psychisch verletzen kann. Jeder Verein muss zumindest im Umfeld einen Experten haben, der erkennt, hier ist was nicht in Ordnung und dann auch sofort intervenieren kann. Und wenn ein Bundesliga-Verein erfolgreich sein will, muss er auch auf das mentale Verletzungsrisiko achten.»

Vor knapp zwei Wochen outete sich Hannovers Ersatzkeeper Miller mit einem Brunout, jetzt Rangnick - das frühere Tabuthema psychische Erkrankungen ist keines mehr. Folgt jetzt eine Offenbarungswelle?

Holsboer: «Ich glaube nicht, dass der Fall Rangnick eine Lawine auslösen wird, aber mit zunehmender Zahl der Fälle wird das Bewusstsein geschärft. Psychische Erkrankungen sind kein Problem des Profi-Fußballs, sondern des gesamten Hochleistungssports. Die Bekanntgaben psychischer Erkrankungen nehmen zu, vom Gefühl her nimmt auch die Zahl der Erkrankungen zu, aber belastbare Zahlen gibt es nicht.»

Das heißt, der Profi-Fußball hat aus dem Fall Enke gelernt?

Holsboer: «Das Bewusstsein ist seit Enke gewachsen. Hannover 96 hat das bei Miller hervorragend gemacht, auch Bayern München arbeitet vorbildlich. Es ist etwas im Gang gekommen, aber man muss Realist bleiben. Dies alles verhindert nicht, dass es immer mal wieder einen Menschen gibt, der bei einer solchen Belastung krank wird.

Inwieweit brauchen auch Trainer in Zukunft einen Trainer, der bei Dauerstress als eine Art menschliches Frühwarnsystem dient?

Holsboer: «Begleitarbeit für Menschen unter maximalem Stress ist die beste Vorbeugung. Wenn ein Trainer überproportionale Empfänglichkeit für negative Signale spürt, sollte er sich beraten oder behandeln lassen. Oft reichen da zehn Stunden.»

Also ein Trainer braucht einen Trainer, um ein guter und effektiver Trainer sein zu können. Das hört sich nach einem Supermann an. Welchen Trainertypen würden Sie einem Bundesligisten vorschlagen?

Holsboer: «Der 'Typ Magath', der harte Hund, ist out. Das ist eine Schule, die sich hoffentlich nicht ausbreitet. Ein Trainer, der die Leute vor sich herscheucht, mag gelegentlich erfolgreich sein, ist aber nicht das Zukunftsmodell. Das Zukunftsmodell ist Hitzfeld, weil der die richtige Mischung hat, die Strenge aber auch die menschliche Seite. Ich wünsche mir die Kultivierung eines einfühlsamen Trainers, der auch eine Autorität ist. Wenn man einen Magath hat, braucht man einen Plan B, der solche Kollateralschäden abfängt.»

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