«Riesen-Blamage»: Werder in hausgemachter Krise
Bremen (dpa) - 08.11.2010, 20:08 Uhr
Bremens Mikael Silvestre (r) reagiert zu spät auf den Angriff von Georg Niedermeier, der zum 5:0 einköpft.
Als die Spieler von Werder Bremen am Tag nach dem 0:6 (0:3) von Stuttgart auslaufen wollten, kamen sie nicht auf ihren Trainingsplatz. Das Gelände am Weserstadion war noch abgeschlossen. Nach vier Pleiten in nur 13 Tagen und der höchsten Niederlage seit 1987 passte die technische Panne gut zur aktuellen Krise: So wenig lief bei Werder schon seit Jahren nicht mehr zusammen. Der Verein reagiert darauf allerdings so besonnen, wie man es von ihm kennt. Die Spieler bekamen am Tag nach dem Spiel eine 75-minütige Standpauke. Trainer Thomas Schaaf und die generelle Strategie stehen nach einem Teamgespräch und Videoanalyse aber nicht zur Diskussion. «Die Stimmung in der Stadt ist nicht gut. Die Situation ist neu, unsere Zuschauer sind enttäuscht. Generell müssen wir enger zusammenrücken, nicht verrückt spielen und das Potenzial wecken. Das war auch der Sinn der Aussprache», sagte Clubchef Klaus Allofs in der Sendung «Sportblitz» bei Radio Bremen TV. «Wir haben nach Lösungen gesucht, wie wir es in Zukunft besser machen können», berichtete Marko Marin. Ob der Coach das Team noch erreicht, war dabei kein Thema. «Diese Frage stellt sich nicht in der Mannschaft», sagte der Offensivspieler.
Noch in Stuttgart hatten die Profis ihren Frust ungefiltert herausgelassen. Tim Wiese sprach von einer «Riesen-Blamage», Per Mertesacker sogar von einem «Tiefpunkt in der Geschichte» des Vereins. Aus dem DFB-Pokal sind die Bremer bereits ausgeschieden, in der Champions League stehen sie kurz davor und auch in der Fußball- Bundesliga «können wir unsere Ziele nicht erreichen, wenn wir so spielen wie im Moment», meinte Allofs. Thomas Schaaf musste sich erst einmal sammeln. Noch lange nach dem Schlusspfiff stand er mit verschränkten Armen an der Seitenlinie. «So etwas ist mir noch nicht passiert», sagte er über das größte Debakel seiner elfjährigen Amtszeit. «Wir waren wie ein Sparringspartner, gegen den man alles zeigen kann und der einem nicht wehtut.» So unangetastet seine Position bei Werder auch ist: Ähnlich wie Jens Keller nach fünf Siegen in sieben Spielen so etwas wie das Gesicht des Stuttgarter Aufschwungs ist, ist Schaaf mittlerweile das Gesicht dieser Bremer Krise. Viele Probleme an der Weser sind hausgemacht. |
In der vergangenen Woche lehnte sich der 49-Jährige ungewohnt weit aus dem Fenster, als er Fans und Medien für deren Kritik an Neuzugang Mikael Silvestre attackierte. Nur drei Tage später bestand die Taktik des VfB im Wesentlichen darin, möglichst viele Angriffe möglichst schnell über die Seite des indisponierten Franzosen rollen zu lassen - fast alle davon kamen durch. Werders Defensivverhalten ist seit Jahren das große Manko dieses Teams. Geändert hat sich daran nichts. Neu ist nur, dass Schaaf regelmäßig die Aufstellung und sein System ändert. Das hat viel mit dem Verletzungspech der Bremer zu tun, aber auch mit der Zusammenstellung des Kaders. Monatelang konnten sie sich auf den Weggang ihres Spielmachers Mesut Özil einstellen. Als der im August zu Real Madrid wechselte, verzichtete Werder auf den Kauf eines Nachfolgers. Auf das Abwehrproblem wurde nur unzureichend reagiert. Auf den Verlust an Kreativität gar nicht. Im Ergebnis wankt Werder nun mit einem Kader durch die Saison, in dem es hakt und gärt. «Die Qualität ist da, aber es fehlt der letzte Biss», meinte Wiese. Dieser Befund ist unumstritten, der Umgang damit schon. Kapitän Torsten Frings kritisiert seine Kollegen dafür regelmäßig, als ob er selbst nicht dazugehören würde. Gegen Enschede sah er die Rote Karte, in Stuttgart verschoss er einen Elfmeter. Für das Binnenklima ist das Gift. Das Einstellungsdefizit des von ihm und Schaaf formierten Teams prangerte aber auch Allofs schon mehrfach an. «Letztes Jahr waren wir als Mannschaft stark, da war uns kein Weg zu weit», sagte er. «Das ist uns verloren gegangen.» Am Sonntag deutete der Geschäftsführer erstmals mögliche Verstärkungen an. «Wir können jetzt keine neuen Spieler verpflichten, damit kann man frühestens im Winter beginnen», sagte er. «Wenn es bis dahin aber nicht entscheidend besser wird, muss man sich überlegen, an welchen Stellschrauben man drehen kann.»
 |