Düsseldorf (dpa) - Die Schreckensbilanz im Europacup hat eine Diskussion über die Zukunft des deutschen Vereinsfußballs entfacht.
Anders als viele Clubvertreter, die das mäßige Abschneiden in erster Linie mit mangelnder Wirtschaftskraft begründen, stellen Joachim Löw, Theo Zwanziger und Reinhard Rauball vorhandene Strukturen in Frage. Aus Sorge um die Leistungsfähigkeit der Bundesliga im internationalen Vergleich fordern sie ein Umdenken. «Möglicherweise haben andere Vereine auch deshalb mehr Geld, weil sie konzeptionell wahnsinnig gut arbeiten. Geld kommt nur, wenn ein gutes Konzept vorhanden ist», sagte Löw dem «Kicker».
Die mahnenden Worte des Bundestrainers machen Sinn: Deutlicher als in der Vorwoche konnte die anhaltende Talfahrt nicht dokumentiert werden. Sechs Spiele mit deutscher Beteiligung in den Europacup-Wettbewerben ohne Sieg mit einem Schnitt von nur 0,33 Punkten gab es seit der Einführung der Champions League noch nie. Das Low-Budget-Team Rosenborg Trondheim spielte in der Königsklasse bisher sieben Zähler ein - so viel wie die drei deutschen Clubs zusammen.
Niemand mochte sich damit trösten, dass die Bundesliga dennoch in der Fünf-Jahres-Wertung der UEFA an Rumänien vorbeizog und sich auf Rang fünf verbesserte. Bayern-Keeper Oliver Kahn fand deutliche Worte: «Das ist langsam prekär und sollte zum Nachdenken anregen. Es bringt nichts, nur eine hübsche Verpackung zu haben. Entscheidend ist, was drin steckt.»
Bei der Diagnose sind sich alle Beteiligten einig, nicht aber bei der Therapie. Noch immer hält sich die Bereitschaft zu einer intensiveren Ursachenforschung bei vielen Club-Repräsentanten in Grenzen. Wie so oft beklagten sie fehlende Chancengleichheit im Vergleich zur finanzstärkeren Konkurrenz aus England, Italien und Spanien. Doch warum nur blieben deutsche Club in den vergangenen Jahren in schöner Regelmäßigkeit selbst gegen weniger zahlungskräftige Clubs wie Teplice, Krakau, Sochaux und Bröndby auf der Strecke? Immerhin liegt die Bundesliga in der Gunst der Zuschauer und der Sponsoren europaweit vorn.
Rauball, der Präsident der Deutschen Fußball Liga (DFL), hält das klassische Erklärungsmuster für untauglich: «Man macht es sich zu einfach, bei Misserfolg nur auf die unterschiedlichen Geldmengen hinzuweisen. Die Ursachen liegen für mich überwiegend woanders.» Inspiriert vom Erfolg der Nationalmannschaft, die ihr internationales Renommee im Gegensatz zu den Bundesliga-Clubs in den vergangenen zwei Jahren deutlich verbessern konnte, machte sich auch Verbandspräsident Zwanziger für neue Wege stark: «Wir müssen auch schauen, ob vielleicht in der Trainerausbildung, in der Nachwuchsförderung oder wo auch immer etwas besser gemacht werden kann.»
Gut möglich, dass die Bundesliga durch den neuen TV-Vertrag und die offensivere Auslandsvermarktung mehr Geld erlöst. Doch nach Meinung von Löw muss man das Geld nicht nur haben, sondern auch sinnvoll anlegen. Offenkundige Defizite im Zweikampfverhalten, im Lauftempo und der Passschnelligkeit könnten vor allem durch eine nachhaltige Optimierung der Trainer- und Profiausbildung behoben werden. «Das Wichtigste ist eine Philosophie. Welchen Trainer brauche ich dafür, welche Spieler, was sind die Etappenziele, welchen Fußball möchte ich spielen», sagte Löw.
Angesichts der bedenklichen Entwicklung regte Rauball in der «Bild am Sonntag» Konsequenzen an: «Mir wäre es sehr wichtig, dass die sportliche Experten-Kommission der Liga wieder auflebt. Wir haben uns in den Neunzigern alle blenden lassen von den internationalen Erfolgen. Von den Schalker Eurofightern, von dem Dortmunder Champions-League-Sieg 1997, von den Erfolgen der Bayern. Wir hielten uns ja für fast unschlagbar.»
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